Im Jahr 1956 standen zwölf libanesische Freiwillige — Dichter, Musiker, Diplomaten, Träumer — vor den sechs verbliebenen Säulen des Jupitertempels in Baalbek und sahen etwas, das zweitausend Jahre Eroberer übersehen hatten. Sie sahen keine Ruinen. Sie sahen eine Bühne. Die höchsten Säulen der antiken Welt, zwanzig Meter hoch in den Himmel des Bekaa-Tals ragend, mit korinthischen Kapitellen, die noch Fragmente des römischen Gebälks trugen. So wurde das Internationale Festival von Baalbek geboren — im goldenen Zeitalter, als Beirut das Paris des Nahen Ostens genannt wurde.
Die Stimme, die das Festival prägen sollte, gehörte einer jungen Frau namens Nouhad Haddad — die Welt kannte sie als Fairuz. Sie war zweiundzwanzig, als sie 1957 zum ersten Mal im Tempel sang, und wurde mit einem libanesischen Pfund bezahlt — praktisch nichts. Die Rahbani-Brüder, Assi und Mansour, hatten bereits begonnen, die musikalische Sprache einer ganzen Generation zu formen: eine Verschmelzung arabischer Maqam-Melodien mit westlicher Orchestermusik, libanesischer Berglieder mit theatralischer Raffinesse. In Baalbek fand diese Musik ihr natürliches Amphitheater.
Das Festival zog die größten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts auf diese fünf Jahrtausende alte Bühne. Umm Kulthum — der Stern des Ostens, die Frau, deren vierstündige Konzerte die gesamte arabische Welt zum Stillstand brachten — sang 1966, 1968 und 1970, jedes Mal ausverkauft. Ella Fitzgerald füllte den Großen Hof des Jupiter 1972. Miles Davis spielte 1973 seine elektrische Trompete. Nurejew und Fonteyn tanzten auf den Stufen des Bacchustempels. Jeden Sommer verwandelte sich Baalbek von einer archäologischen Kuriosität in eine lebendige Kulturhauptstadt.
Dann verstummte die Musik. Im April 1975 brach der libanesische Bürgerkrieg aus — eine Katastrophe, die fünfzehn Jahre dauerte, über hundertvierzigtausend Menschen tötete und Beirut vom Paris des Nahen Ostens zum Sinnbild der Zerstörung machte. Das Festival wurde eingestellt. Die Scheinwerfer erloschen. Baalbek wurde zur Militärbasis: erst der Amal-Bewegung, dann der Hisbollah, die dort 1982 gegründet wurde. Israelische Angriffe trafen die Stadt 1984. Zweiundzwanzig Jahre lang schwieg der Jupitertempel.
Die Säulen standen weiter. Ohne Publikum, ohne Zweck, wartend ohne jede Garantie, dass das, worauf sie warteten, jemals zurückkehren würde. Und die Frage, die über dem ganzen Libanon hing — ob die Idee eines Landes, in dem Kulturen zusammenkommen und gemeinsam Musik machen, ein Traum war, den der Krieg für immer zerstört hatte — fand ihr Symbol in diesen sechs Steinpfeilern, allein gegen den Himmel.
Aber sie kehrte zurück. 1997 betrat der russische Cellist Rostropowitsch — ein Mann, der die sowjetische Zensur überlebt hatte, der den Schriftsteller Solschenizyn in seinem eigenen Haus versteckt hatte, der in der Nacht des Mauerfalls Bach an der Berliner Mauer gespielt hatte — die Stufen des Bacchustempels und spielte für zweitausendfünfhundert Menschen. Man sagt, aller guten Dinge sind drei — aber in Baalbek zählt man anders: der Krieg brachte es zum Schweigen, die Bomben trafen es, die Pandemie schloss es — und jedes Mal kehrte die Musik lauter zurück.
2006 fielen Bomben dreihundert Meter von den Tempeln entfernt. Abgesagt. Zurückgekehrt. Während der Pandemie wurde das Festival online gestreamt und erreichte siebzehn Millionen Zuschauer. 2024 erzwangen israelische Angriffe erneut die Absage. Im Juli 2025 kehrte es unter dem Motto «Stimme der Widerstandskraft» mit Carmen auf der römischen Bühne zurück. Jede Unterbrechung vertiefte seine Bedeutung. Jede Rückkehr bewies, was die Säulen seit zweitausend Jahren beweisen: Was überdauert, ist nicht das, was vor Zerstörung geschützt wird — sondern das, was danach wieder aufgebaut wird.
