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Kronen & Eroberungen·3/7·2
Photograph of Antike Stadt Ephesos

The place

Antike Stadt Ephesos

Die Celsus-Bibliothek — Denkmal einer Sohnesliebe

Wie die Trauer eines Sohnes die schönste Bibliothek der Antike erschuf

117-125 ADAntike Stadt Ephesos

Im Jahr 114 n. Chr. starb in Ephesos — einer der größten Städte der antiken Welt, an der Westküste der heutigen Türkei — ein Mann namens Celsus. Er war römischer Senator gewesen, hatte es bis zum Konsul gebracht und schließlich die gesamte Provinz Asia regiert. Sein Sohn Aquila hätte ihm eine Statue oder eine Gedenktafel widmen können. Stattdessen tat er etwas, womit niemand gerechnet hatte. Er baute seinem Vater die schönste Bibliothek, die die Welt je gesehen hatte.

Der Bau dauerte fast ein Jahrzehnt und wurde um 125 n. Chr. fertiggestellt. Die Celsus-Bibliothek war nicht einfach nur groß — sie beherbergte rund 12.000 Schriftrollen und war damit die drittgrößte Bibliothek der antiken Welt, nur übertroffen von der legendären Bibliothek von Alexandria und der Sammlung in Pergamon. Doch was sie besonders machte, war nicht ihre Größe. Es war ihre Schönheit. Die zweistöckige Fassade spielte mit dem Auge: Die äußeren Säulen waren etwas kürzer als die mittleren, was das Ganze noch gewaltiger wirken ließ.

Im Inneren lösten die Architekten ein Problem, das unzählige antike Texte zerstört hatte: Feuchtigkeit. Sie bauten doppelte Wände mit einer Luftschicht dazwischen — im Grunde eine antike Klimaanlage —, die die Schriftrollen in ihren steinernen Nischen schützte. Am Eingang standen vier Statuen für die Eigenschaften, die Aquila an seinem Vater am meisten bewunderte: Weisheit, Wissen, Verstand und Tugend. Das war keine Dekoration. Das war ein Sohn, der sagte: „So war mein Vater.“

Hier wird die Geschichte persönlich. Unter dem Boden der Bibliothek ließ Aquila den Marmorsarkophag seines Vaters aufstellen. Das brach eine der ältesten Regeln Roms — Bestattungen innerhalb der Stadtmauern waren streng verboten. Dass man eine Ausnahme machte, zeigt, wie tief der Respekt der Menschen in Ephesos für Celsus war. Das Gebäude war also nicht nur eine Bibliothek. Es war ein Grab. Ein Sohn hatte seine Trauer in ein Geschenk an eine ganze Stadt verwandelt.

Über ein Jahrhundert lang blühte die Bibliothek. Dann, im Jahr 262, griffen gotische Krieger an — germanische Stämme aus dem Norden, die eines Tages zum Untergang Roms beitragen sollten. Sie überfielen Ephesos und setzten das Innere in Brand. Die Schriftrollen waren für immer verloren. Erdbeben in den folgenden Jahrhunderten vollendeten, was die Flammen begonnen hatten, und langsam zerfiel die Bibliothek zu Schutt. Über tausend Jahre lang lag eines der großartigsten Bauwerke der Antike unter Erde und Gestein begraben.

1903 begannen österreichische Archäologen mit Ausgrabungen. In der Erde fanden sie Fragmente der Fassade — Säulen, Reliefs, Bruchstücke jener vier Statuen. Ab 1970 machte sich ein Team daran, alles wieder zusammenzusetzen, Stein für Stein, wie ein gewaltiges antikes Puzzle. 1978 stand die Fassade wieder. Keine Nachbildung. Die Originalsteine, zurück an genau der Position, die sie fast zweitausend Jahre zuvor eingenommen hatten.

Heute ist die Celsus-Bibliothek das Wahrzeichen von Ephesos — das, wofür alle kommen. Millionen fotografieren diese Fassade jedes Jahr, die meisten ohne zu ahnen, dass sich dahinter eine der größten Liebesgeschichten zwischen Vater und Sohn verbirgt. Sie wurde nicht gebaut, um einen Kaiser zu beeindrucken. Ein trauernder Sohn beschloss, seinen Vater zu ehren, indem er der Welt einen Ort des Lernens schenkte. Man sagt, die Liebe sei stärker als der Tod. Hier steht der Beweis — seit fast zweitausend Jahren.

Moral der Geschichte

Die größten Denkmäler entstehen oft aus Liebe und Verlust. Was wir für die Toten errichten, sagt mehr über uns als über sie.

Figuren

T
Tiberius Julius Celsus Polemaeanus
G
Gaius Julius Aquila
S
Sophia
E
Episteme
E
Ennoia
A
Arete

Quelle

Archaeological excavations; dedicatory inscriptions; Austrian Archaeological Institute records