Skip to main content
Rätsel der Vergangenheit·3/4·2
Photograph of Great Pyramids of Giza

The place

Great Pyramids of Giza

Die geheimen Kammern

Ein 30 Meter langer Hohlraum, seit 4.500 Jahren versiegelt — und bis heute ungeöffnet

Old Kingdom (discovered 2017)Great Pyramids of Giza

Im Jahr 2017 richtete ein Team von Physikern Teilchendetektoren auf die Cheops-Pyramide in Gizeh — und fand etwas, womit niemand gerechnet hatte. Tief in 6,1 Millionen Tonnen Kalkstein, direkt über einem Korridor namens Große Galerie, verbarg sich ein Hohlraum von etwa 30 Metern Länge. Kein Tunnel führte dorthin. Kein Gang verband ihn mit einem bekannten Raum. Versiegelt, seit die Arbeiter des Pharaos Cheops vor über 4.500 Jahren den letzten Stein gesetzt hatten. Ein geheimer Raum, den niemand finden sollte.

Die Methode klingt wie Science-Fiction. Sie heißt Myonen-Tomographie — dabei werden winzige Teilchen aus dem Weltall genutzt, die Fels durchdringen wie Röntgenstrahlen. Dichtes Gestein bremst mehr Teilchen ab als leere Räume. Indem die Forscher maßen, wo die Teilchen leicht hindurchkamen, zeichneten sie eine Art Röntgenbild des Pyramiden-Inneren. Und da war er: im meistuntersuchten Bauwerk der Erde ein Hohlraum so lang wie ein Passagierflugzeug, unsichtbar seit fünfundvierzig Jahrhunderten.

Es war die erste große Entdeckung im Inneren der Pyramide seit über tausend Jahren. Die letzte stammte von etwa 820 n. Chr., als Kalif al-Ma'mun — Herrscher des Abbasiden-Reichs mit Sitz in Bagdad — seinen Männern befahl, einen Tunnel geradewegs durch den Stein zu schlagen. Sie fanden den aufsteigenden Gang und die Königskammer. Zwölf Jahrhunderte lang glaubte danach die ganze Welt, der Grundriss der Pyramide sei vollständig bekannt. Die Myonen bewiesen, dass alle spektakulär falschlagen.

Die Entdeckung löste einen Sturm aus. Manche Experten nannten den Hohlraum eine sogenannte Baulücke — ein Luftpolster aus der Bauzeit, ohne Bedeutung. Aber andere widersprachen vehement. Ein 30-Meter-Hohlraum direkt über der Großen Galerie entsteht nicht zufällig. Eine unbekannte Grabkammer? Ein versiegeltes Archiv heiliger Texte? Vielleicht sogar die echte Ruhestätte von Cheops — denn hier kommt ein Detail, das kaum jemand kennt: Seine Mumie wurde nie gefunden.

Und hier wird die Geschichte frustrierend. Wir wissen, dass der Hohlraum da ist, aber wir können nicht hineinsehen. Wissenschaftler haben vorgeschlagen, winzige Roboter durch Mikrotunnel im Stein zu schicken. Aber die ägyptische Regierung hat abgelehnt. Man bohrt nicht einfach Löcher in das wichtigste archäologische Bauwerk der Welt und hofft auf das Beste. Also bleibt der Hohlraum: erkannt, aber unberührt. Ein Raum, den wir spüren, aber nicht betreten können.

Denk mal kurz darüber nach. Wir leben in einer Zeit, in der Satelliten jeden Quadratmeter der Erdoberfläche fotografieren. Wir haben uralte DNA entschlüsselt und den Meeresboden kartiert. Aber genau dort, an einem der meistbesuchten Orte der Welt — wo jedes Jahr Millionen von Touristen Selfies machen — gibt es einen versiegelten Raum, der sein Geheimnis seit fünfundvierzig Jahrhunderten bewahrt. Kein lebender Mensch weiß, was darin ist.

Man sagt: Was lange währt, wird endlich gut. Aber ob das auch nach 4.500 Jahren noch gilt, muss sich erst zeigen. Die Cheops-Pyramide hat Grabräuber überlebt, Forscher mit Dynamit und den Aufstieg und Fall jedes Imperiums seit dem alten Ägypten. Was auch immer in diesem verborgenen Hohlraum ruht — leere Luft, ein vergessener König oder etwas, das sich noch niemand vorstellen kann — es wartet dort seit viereinhalb Jahrtausenden. Es kann noch ein bisschen warten.

Moral der Geschichte

Selbst das meisterforschte Bauwerk der Erde kann noch Geheimnisse bergen — eine Erinnerung daran, dass Wissen niemals vollständig ist.

Figuren

S
ScanPyramids research team
P
Pharaoh Khufu

Quelle

Morishima, K. et al. "Discovery of a big void in Khufu's Pyramid," Nature 552, 386-390 (2017)