Von überall in der antiken Stadt Petra sieht man dasselbe: eine weiße Kuppel, klein wie eine Perle, auf dem höchsten Gipfel der Wüste. Sie thront auf 1.353 Metern Höhe und leuchtet gegen den roten Sandstein, als hätte jemand dort oben eine Laterne vergessen, damit niemand den Weg verliert. Der Berg heißt auf Arabisch Jabal Harun, auf Hebräisch Hor. Der Mann, der angeblich unter dieser Kuppel ruht, ist Aaron: älterer Bruder des Mose, erster Hohepriester Israels, ein Prophet, der in der Tora, im Neuen Testament und im Koran gleichermaßen verehrt wird.
Aller guten Dinge sind drei, sagt man — und hier zeigen alle drei Weltreligionen auf dasselbe Grab mit derselben Gewissheit. Es gibt keinen anderen Ort auf der Erde, an dem Juden, Christen und Muslime sich so einig sind über die Identität eines Toten. Seit dem ersten Jahrhundert, als der Historiker Josephus Aarons Tod auf einem Berggipfel nahe der «Hauptstadt der Araber» beschrieb, haben Pilger aller Art den Aufstieg gewagt: Könige und Hirten, Mönche und Muezzine, byzantinische Prozessionen und einsame Suchende.
Aarons Tod wird im Buch Numeri mit jener erschütternden Schlichtheit erzählt, die die Bibel ihren heiligsten Momenten vorbehält. Gott sprach zu Mose: Nimm deinen Bruder und seinen Sohn Eleasar und führe sie auf den Berg. Zieh Aaron die Priestergewänder aus und lege sie Eleasar an. Aaron wird dort sterben. Mose gehorchte. Auf dem Gipfel nahm er seinem Bruder das Brustschild mit den zwölf Steinen ab, das blaue Gewand mit den goldenen Glöckchen, den Turban mit der Inschrift «Heilig dem Herrn». Aaron stand nackt vor seinem Gott — kein Hohepriester mehr, nur ein 123-jähriger Mann am Ende seines Lebens. Und dort starb er.
Ganz Israel trauerte dreißig Tage um ihn — länger als um Mose selbst. Der Talmud erklärt warum: Mose war der Prophet der Wahrheit, streng und kompromisslos. Aber Aaron war «ohev schalom w'rodef schalom» — ein Liebhaber des Friedens und ein Verfolger des Friedens. Wenn zwei Männer stritten, ging Aaron zu jedem einzeln und sagte: «Dein Freund bereut es zutiefst. Er wünscht sich Versöhnung.» Wenn sie sich dann trafen, umarmten sie sich, jeder überzeugt, der andere habe den ersten Schritt getan. Aaron schmiedete Frieden aus kleinen, gutherzigen Lügen.
Im Koran wird Harun zwanzigmal namentlich erwähnt — als Prophet und Gesandter Gottes, den Allah auf Musas Bitte hin zum Gefährten bestimmte, um dem Pharao entgegenzutreten. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zur Tora: das Goldene Kalb. Wo die Bibel Aaron eine zweideutige Mitschuld zuschreibt — er selbst goss das Götzenbild —, spricht ihn der Koran vollständig frei. Harun widerstand dem Götzendienst, flehte das Volk an, doch die Menge hätte ihn beinahe getötet. Im Islam ist Harun nicht der Priester, der wankte, sondern der Prophet, der Einheit über Gewalt stellte.
Zwischen 1997 und 2005 gruben finnische Archäologen der Universität Helsinki den Gipfel aus und fanden eine ganze Welt: eine Basilika mit Mosaikboden, die dem Heiligen Aaron geweiht war, eine Pilgerherberge, Lagerräume und Höfe. Ein Papyrus aus dem Jahr 573 n. Chr. erwähnt «das Kloster unseres Herrn, des Heiligen Hohepriesters Aaron». Unter den byzantinischen Schichten fanden sie nabatäische Überreste — Spuren eines Kultes, der den drei Religionen um Jahrhunderte vorausging. Der Berg war heilig, lange bevor irgendjemand ihn nach Aaron benannte.
Das heutige Heiligtum wurde um 1363 vom Mamluken-Sultan Muhammad ibn Qalawun errichtet. Es ist ein kleiner, strahlend weißer Bau von fast trotziger Schlichtheit, als hätten die Erbauer gewusst, dass kein menschliches Ornament mit Berg und Himmel konkurrieren kann. Innen steht ein Mihrab in Richtung Mekka und ein Kenotaph, bedeckt mit grünem Tuch. Als Reisende im 20. Jahrhundert den Teppich hoben, fanden sie darunter bunte Mosaiksteine und Marmor — die Überreste der byzantinischen Kirche, die den Gipfel vor der Moschee besetzt hatte.
Der Weg zum Gipfel dauert vier bis sechs Stunden. Kein Schatten, kein Wasser. Doch wenn man oben ankommt, ist alles vergessen. Ganz Petra breitet sich unter den Füßen aus: die Schatzkammer im Eingang des Siq, die Königsgräber, die römischen Säulen. Bei Sonnenaufgang glüht der Stein in Rot und Bernstein, und die Stille ist so vollkommen, dass man den eigenen Herzschlag hört. Aaron starb hier, oder vielleicht auch nicht. Aber seit dreitausend Jahren steigen Menschen auf diesen Berg, um einen Mann zu ehren, der den Frieden über die Wahrheit stellte — und auf dem Gipfel finden sie genau das, was er sein ganzes Leben lang zu geben versuchte.
