Zur Zeit des ersten chinesischen Kaisers Qin Shi Huang verschlang die Große Mauer Menschenleben, wie Feuer Reisig verschlingt. Genau in dieser Zeit lebte eine junge Frau namens Meng Jiangnu. Schon ihr Name ist eine Geschichte für sich: Zwischen den Gärten der Familien Meng und Jiang war eine Kürbisranke gewachsen. Als man die Frucht öffnete, lag ein Baby darin. Beide Familien zogen das Mädchen gemeinsam auf.
Meng Jiangnu heiratete einen jungen Gelehrten namens Fan Xiliang. Ihre Liebe war still und tief. Doch ihr Glück dauerte nur eine einzige Nacht. Noch vor Sonnenaufgang traten kaiserliche Soldaten die Tür ein und schleppten Fan Xiliang mit sich fort. Er war einer von Hunderttausenden Männern, die man ihren Familien entriss und in die nördliche Wildnis schickte, um Steine zu schleppen.
Monate vergingen. Dann ein ganzes Jahr. Kein Lebenszeichen. Meng Jiangnu nähte ihrem Mann einen dicken Wintermantel — sie wusste, dass der Winter im Norden gnadenlos war — und machte sich allein auf den Weg, ihn zu suchen. Tausende Kilometer zu Fuß, über Berge, Flüsse und ödes Land, mit nur einer Frage auf den Lippen.
Als sie nach Monaten endlich die Mauer erreichte, fragte sie die Arbeiter: Wo ist Fan Xiliang? Die Männer wichen ihrem Blick aus. Schließlich zeigte ein alter Steinmetz auf einen frisch gemauerten Abschnitt und flüsterte: «Dein Mann ist vor Erschöpfung zusammengebrochen. Seinen Leib… haben sie in die Mauer eingemauert.»
Meng Jiangnu sank auf die Knie und weinte. Sie weinte drei Tage und drei Nächte ohne Unterbrechung. Man sagt, aller guten Dinge sind drei — doch in der dritten Nacht war es kein Glück, das kam, sondern etwas Gewaltiges. Die Erde bebte, der Himmel donnerte, und mit einem Krachen stürzten achthundert Li der Großen Mauer in sich zusammen. Unter den Trümmern kamen die Gebeine ihres Mannes zum Vorschein — und die Tausender anderer Arbeiter, lebendig eingemauert.
Qin Shi Huang, der Mann, der sich für den Herrn der Welt hielt, kam persönlich, um die Frau zu sehen, die seine Mauer zum Einsturz gebracht hatte. Als er ihre Schönheit sah, verlangte er, sie solle seine Konkubine werden. Meng Jiangnu willigte ein — unter drei Bedingungen: ein würdiges Begräbnis für Fan Xiliang, die Anwesenheit des Kaisers und des gesamten Hofes in Trauerkleidung, und der Bau einer Terrasse mit Blick aufs Meer.
Der Kaiser erfüllte alle drei Bedingungen. Doch als die Beerdigung vorbei war und die Terrasse fertig stand, trat Meng Jiangnu an den Rand, schrie Qin Shi Huang ins Gesicht: Du bist ein Tyrann und ein Mörder! — und stürzte sich ins Meer.
Die Wellen verschlangen sie. Doch der Legende nach ragten dort, wo sie fiel, zwei Felsen aus dem Meer — bei Shanhaiguan, wo die Mauer das Wasser berührt. Sie stehen noch heute. Fischer schwören, dass man in stillen Nächten eine Frau weinen hört. Diese Geschichte wird seit über 2.400 Jahren erzählt — eine der Vier Großen Volkslegenden Chinas. Ihre Botschaft hat nichts verloren: Die Mauer wurde nicht nur aus Stein gebaut, sondern aus Blut, Tränen und zerbrochenen Familien.
