«Etwas ist faul im Staate Dänemark.» Dieser Satz, gesprochen auf den eisigen Zinnen einer Burg namens Elsinore, gehört zu den berühmtesten der Theatergeschichte. Das Stück heißt Hamlet. Die Burg gibt es wirklich — sie heißt Kronborg, eine mächtige Festung an der dänischen Küste, genau dort, wo das Meer sich zwischen Dänemark und Schweden verengt. Shakespeare schrieb das Stück um 1600 und machte damit eine Militärfestung zur legendärsten Burg der Welt.
Das Verrückte daran: Shakespeare hat Kronborg wahrscheinlich nie betreten. Musste er auch nicht. 1585 lud der dänische König Friedrich II. englische Schauspieler ein, auf der Burg aufzutreten. Einige von ihnen schlossen sich später Shakespeares Theatertruppe an, der größten in London. Sie brachten Geschichten mit von schneidenden Winden, gewaltigen Steinmauern und einem Nebel, der vom Meer aufstieg, als wäre der Ort verflucht. Shakespeare hörte zu. Und dann schrieb er.
Die Geschichte hat er sich auch nicht selbst ausgedacht. Um 1200 schrieb ein dänischer Chronist namens Saxo Grammaticus die Legende von Amleth nieder — ein Prinz, dessen Onkel den Vater ermordet, die Mutter geheiratet und den Thron gestohlen hatte. Amleth überlebte, indem er den Wahnsinnigen spielte, bis er sich rächen konnte. Die Geschichte wanderte jahrhundertelang durch Europa und erreichte Shakespeare über eine französische Nacherzählung von 1570. Gleiche Knochen. Völlig anderes Tier.
Was Shakespeare aus dieser alten Legende machte, war etwas völlig Neues. Er fügte einen Geist hinzu — den ermordeten König, der um Mitternacht auf den Zinnen erscheint und Rache fordert. Er erfand die «Mausefalle», ein Stück im Stück, mit dem Hamlet seinen Onkel überführen will. Er schenkte uns Ophelia, deren Wahnsinn das Publikum bis heute erschüttert. Und er gab Hamlet das, was ihn unsterblich machte: einen Prinzen, der zu viel denkt, zu tief fühlt und nicht handeln kann.
«Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.» Dieser Satz ist nicht einfach Theater. Es ist der Moment, in dem jemand endlich in Worte gefasst hat, was jeder Mensch schon gefühlt hat: das erdrückende Gewicht, am Leben zu sein, wenn das Leben wehtut. Hamlet fragt nicht nüchtern nach dem Ende — er fragt, ob es mutiger ist, weiterzumachen oder aufzuhören. Shakespeare schrieb das vor über vierhundert Jahren, und Menschen klammern sich in ihren dunkelsten Stunden noch immer an diese Worte. Das ist kein gutes Schreiben. Das ist ewig.
Und dann ist da der Schädel. Hamlet hebt den Schädel von Yorick auf — dem Hofnarren, der ihn als Kind zum Lachen brachte — und spricht mit ihm. Es ist der Moment, in dem der Tod aufhört, eine Idee zu sein, und persönlich wird. Jemand, den er geliebt hat, ist jetzt nur noch Knochen in seiner Hand. Dieses Bild — ein Mann, der einen Schädel hält und begreift, dass alles, was er liebt, genauso enden wird — gehört zu den bekanntesten der gesamten Kunstgeschichte. Vier Jahrhunderte, und es trifft immer noch.
Heute finden auf Schloss Kronborg Aufführungen von Hamlet statt, direkt auf dem Gelände. Laurence Olivier, Kenneth Branagh und Jude Law haben hier den Prinzen gespielt und Shakespeares Verse auf den echten Zinnen gesprochen, über dem echten Meer. Die Burg und das Stück sind so untrennbar verwoben, dass man an das eine nicht mehr denken kann, ohne das andere mitzudenken. Geh an einem nebligen Abend über diese Mauern und sag mir, dass du den Geist nicht spürst.
Shakespeare war nie in Kronborg. Er schrieb über einen erfundenen Prinzen in einer echten Burg, und vier Jahrhunderte später wirkt dieser Prinz lebendiger als die meisten Könige, die dort geschlafen haben. Aller guten Dinge sind drei, heißt es — aber in Elsinore waren es keine guten Dinge, und es blieb nicht bei drei. Hamlets Fragen über Gerechtigkeit, Trauer und ob das Richtige überhaupt möglich ist, wenn man kaum aus dem Bett kommt — die sind nicht dänisch, nicht englisch. Die gehören uns allen.
