Bevor Krakau eine Hauptstadt war, bevor der erste Stein der Wawel-Burg gelegt wurde, lebte etwas in der Höhle unter dem Hügel. Die Polen nannten es Smok Wawelski — den Wawel-Drachen. Schuppen härter als Eisen. Ein Maul, groß genug, ein ganzes Pferd zu verschlingen. Atem, der Dörfer in Asche verwandelte. Anfangs begnügte er sich mit Vieh — Rinder, Schafe, alles, was er kriegen konnte. Doch als die Tiere ausgingen, verlangte der Drache etwas Schlimmeres: junge Frauen, vor dem Höhleneingang abgelegt wie Opfergaben an einen Gott, der nur Hunger kannte.
König Krakus — der Mann, der der Legende nach die Stadt gründete und ihr seinen Namen gab — war verzweifelt. Jede Woche wurde eine Tochter bei Sonnenuntergang zur Höhle geführt. Am Morgen blieb nur verbrannte Erde und Stille. Also machte der König ein Angebot: Wer den Drachen tötet, bekommt die Hälfte meines Reichs und die Hand meiner Tochter. Krieger kamen von überall — deutsche Schwertkämpfer, französische Ritter, ungarische Söldner. Einer nach dem anderen marschierte in die Höhle. Keiner kam zurück.
Dann trat ein Schusterlehrling namens Skuba vor. Kein Soldat — er verdiente sein Brot mit Schuhen. Und sein Plan klang völlig absurd: Er bat den König um ein totes Schaf, einen Haufen Schwefel und etwas festes Garn. Der ganze Hof lachte. Ein Schuster gegen einen Drachen? Aber Krakus hatte jeden Champion Europas scheitern sehen. Also dachte er sich: Soll der Junge es halt versuchen.
Skuba arbeitete die ganze Nacht durch. Er höhlte das Schaf aus, stopfte es bis zum Rand mit Schwefel und nähte es mit seinem Schustergarn zu — so saubere Stiche, dass man geschworen hätte, das Tier atme noch. Kurz vor Morgengrauen legte er das falsche Schaf direkt vor den Höhleneingang. Dann trat er zurück ins Dunkel. Und wartete.
Der Drache kam bei Tagesanbruch heraus. Kopf schwingend, Nüstern weit aufgerissen. Er erspähte das Schaf, schnappte es mit einem Biss und verschlang es im Ganzen. Für eine Sekunde — nichts. Dann traf der Schwefel auf das Feuer im Bauch der Bestie. Der Drache stieß ein Brüllen aus, das den Wawel-Hügel erzittern ließ und jeden Vogel an der Weichsel — Polens größter Fluss — in den Himmel jagte. Das Tier brannte von innen, und es gab nur eins, was es tun konnte: zum Fluss rennen und trinken.
Er trank. Und trank. Und trank. Der Drache schluckte so viel Flusswasser, dass der Pegel der Weichsel sichtbar sank. Doch Schwefel hat eine Eigenschaft: Wasser löscht ihn nicht. Je mehr der Drache trank, desto schlimmer wurde es. Sein Bauch schwoll an, bis die Schuppen aufzuplatzen begannen. Und dann, direkt am Flussufer, explodierte der Wawel-Drache. Schuppen und Knochen überall. Das Monster, das keine Armee besiegen konnte — vernichtet von einem toten Schaf und einer Handvoll Schwefel.
Man sagt, aller guten Dinge sind drei. Aber Skuba brauchte keine drei Versuche — ihm reichte einer. Ein totes Schaf und eine Idee, auf die kein Ritter gekommen war. Krakau war frei. Der Lehrling heiratete die Prinzessin — nicht weil er der Stärkste oder Tapferste war, sondern weil er der Klügste im ganzen Königreich war.
Heute steht eine Bronzestatue des Drachen am Fuß des Wawel-Hügels — und das Beste daran: Sie spuckt alle paar Minuten echtes Feuer, während Touristen Selfies machen. Die Drachenhöhle, Smocza Jama, ist immer noch geöffnet. Man steigt eine Wendeltreppe in die kühle Dunkelheit hinab, und die Einheimischen schwören, dass man an stillen Abenden noch einen Hauch von Schwefel in der Luft riechen kann.
