Tief im Großen Park von Windsor, wo knorrige Eichen seit vor der normannischen Eroberung Englands im Jahr 1066 stehen, lebt eine Legende, die über sechshundert Jahre überdauert hat. Es ist die Geschichte von Herne dem Jäger: einer Geistergestalt mit mächtigem Hirschgeweih auf dem Kopf, die auf einem schwarzen Pferd durch den nächtlichen Wald reitet, gefolgt von einer Meute gespenstischer Hunde und dem markerschütternden Rasseln von Ketten. Er ist der berühmteste Geist der englischen Folklore — und der Park von Windsor ist sein ewiges Jagdrevier.
Die bekannteste Version verortet Herne in der Regierungszeit von Richard II. im späten 14. Jahrhundert. Er war der Lieblingsjäger des Königs — niemand beherrschte den Bogen wie er, niemand kannte den Wald so gut. Eines Tages, während einer königlichen Jagd, griff ein gewaltiger weißer Hirsch den König an und warf ihn vom Pferd. Herne stürzte sich zwischen das Tier und den Monarchen. Er rammte dem Hirsch sein Messer in die Kehle, doch das Geweih der Bestie riss ihn fürchterlich auf. Der beste Jäger Englands lag sterbend auf dem Waldboden.
Da trat ein Fremder aus dem Wald — ein Mann, den niemand je gesehen hatte. Er sagte, er könne Herne retten, aber unter einer Bedingung: Man müsse dem toten Hirsch das Geweih abschneiden und es dem Verwundeten auf den Kopf binden. So geschah es. Durch welche Kunst — alte Heilkunde, dunkle Magie oder einen Pakt mit Mächten, die besser unbenannt bleiben — berichten die Chroniken nicht, aber Herne überlebte. Doch die Heilung trug einen furchtbaren Preis. Als er in den Wald zurückkehrte, war sein übernatürliches Talent vollständig verschwunden.
Seine Kameraden, die ihn schon immer um seine Stellung beim König beneidet hatten, verspotteten ihn erbarmungslos. Der einst größte Jäger des Reiches war nur noch eine lächerliche Figur mit einem toten Geweih als Narrenkappe. Wir Deutschen sagen «Aller guten Dinge sind drei» — aber für Herne war das Dritte kein Glück, sondern das Ende. Erst die tödliche Wunde, dann der Verlust seiner Gabe, und zuletzt der Wahnsinn. In einer Nacht ging er zu einer uralten Eiche im Park und erhängte sich. Man fand ihn im Morgengrauen, das Geweih noch am Schädel gebunden.
Der König ließ ihn begraben, und der Wald wurde still. Aber nicht lange. Innerhalb weniger Wochen hörten die Jäger, die Herne gequält hatten, seltsame Dinge: galoppierende Hufe, wo kein Pferd ritt, das Heulen schattenloser Hunde, Ketten, die durch totes Laub geschleift wurden. Dann sahen sie ihn — Herne selbst auf einem schwarzen Ross, das Geweih als Silhouette vor dem Mond, die Augen mit einem kalten Leuchten. Einer nach dem anderen starben seine Peiniger auf grauenhafte Weise. Der Wald hatte seine Schuld eingetrieben.
Shakespeare, der Windsor gut kannte, hatte die Legende zweifellos von den Einheimischen gehört. Er baute Herne in «Die lustigen Weiber von Windsor» ein, geschrieben um 1597, wo Falstaff sich als Herne verkleidet. Doch die echten Erscheinungen des Geistes waren alles andere als komisch. Elisabeth I. soll ihn kurz vor der Spanischen Armada 1588 gesehen haben. Er wurde auch vor der Hinrichtung von Karl I. im Jahr 1649 gesichtet, vor der Großen Pest 1665 — und in den Sommern 1914 und 1939, am Vorabend beider Weltkriege.
Forscher haben Herne mit weit älteren Gestalten verbunden: mit Cernunnos, dem gehörnten keltischen Gott, der auf dem Kessel von Gundestrup aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. abgebildet ist; mit der Wilden Jagd aus der germanischen und nordischen Mythologie, bei der Odin selbst eine Geisterschar über den Winterhimmel führt; und mit dem Grünen Mann, jenem Blattgesicht, das in Kirchen überall in England in Stein gemeißelt ist. Herne könnte die englische Erscheinungsform eines Urbilds sein, das so alt ist wie die Menschheit selbst — der wilde Herr des Waldes, den kein König bezwingen und kein Tod zum Schweigen bringen kann.
Die ursprüngliche Eiche von Herne stand jahrhundertelang, bis sie 1863 in einem Sturm fiel. Königin Victoria, die die Legende sehr ernst nahm, ließ an derselben Stelle eine neue Eiche pflanzen. Ob der Geist auf den neuen Baum überging oder ob er einfach weiter durch die Dunkelheit des Parks reitet — diese Frage können nur diejenigen beantworten, die sich trauen, um Mitternacht allein durch Windsor zu wandern.
