Vor dreitausend Jahren verliebte sich der mächtigste Mann der Welt — und begnügte sich nicht damit, es aufzuschreiben. Er meißelte es in einen Berg. Ramses II., Pharao von Ägypten, hatte Dutzende Ehefrauen. Pharaonen sammelten Königinnen wie heutige Staatschefs Verbündete sammeln — politische Werkzeuge, keine Partnerinnen. Doch eine Frau veränderte alles. Ihr Name war Nefertari, und Ramses liebte sie auf eine Weise, die Historiker bis heute fassungslos macht.
Nefertari heiratete Ramses, als er noch ein Prinz war — ohne Thron, ohne Krone, ohne Macht. Als er Pharao wurde, schob er sie nicht beiseite. Er holte sie näher an sich heran. Sie stand neben ihm bei Staatszeremonien. Sie schrieb persönlich an ausländische Königinnen, darunter Puduchepa, Königin des Hethiterreichs — Ägyptens größtem Rivalen. Sie vollzog religiöse Rituale, die eigentlich dem Pharao allein vorbehalten waren. Ihre offiziellen Titel sagen alles: „Süße der Liebe“, „Herrin aller Länder“.
In Abu Simbel, im heutigen Südägypten, ließ Ramses für Nefertari etwas beinahe Undenkbares errichten: einen eigenen Tempel, direkt aus der Felswand gehauen. Pharaonen bauten Tempel für Götter, nicht für Ehefrauen. Aber das Detail, das einen wirklich innehalten lässt, ist ein anderes: Die Statuen von Nefertari an der Fassade sind exakt genauso groß wie die von Ramses. In der ägyptischen Kunst bedeutete Größe Macht. Sie in Stein zu seiner Gleichgestellten zu machen — das war, als würde man die Regeln einer ganzen Zivilisation neu schreiben.
Über dem Eingang hinterließ Ramses eine Inschrift, die mehr als dreißig Jahrhunderte überdauert hat. Er widmete diesen Tempel der „Großen Königlichen Gemahlin Nefertari — ihr, für die die Sonne scheint“. Und das war nicht nur Poesie. Die Tempel von Abu Simbel sind mit präzisen Sonnenausrichtungen gebaut: An bestimmten Tagen des Jahres dringt das Licht bis tief ins Innere des Felsens vor. „Ihr, für die die Sonne scheint“ war gleichzeitig Liebeserklärung und Ingenieursplan. Er hat buchstäblich die Sonne auf sie gerichtet.
Nefertari starb mit etwa vierzig Jahren, nach mehr als zwei Jahrzehnten an Ramses’ Seite. Er gab ihr das prächtigste Begräbnis der ägyptischen Geschichte. Ihr Grab, QV66 im Tal der Königinnen, ist vom Boden bis zur Decke bedeckt mit Malereien, die so atemberaubend sind, dass Fachleute es „die Sixtinische Kapelle des alten Ägypten“ nennen. Göttinnen nehmen Nefertari an der Hand und geleiten sie ins Jenseits — als gehöre sie zu ihnen. In Ramses’ Welt war das auch so.
An diesen Grabwänden hinterließ Ramses, was vielleicht der älteste Liebesbrief ist, der noch existiert: „Meine Liebe ist einzigartig — niemand kann sich mit ihr messen. Sie ist die schönste Frau, die es gibt. Allein indem sie an mir vorbeiging, hat sie mir das Herz gestohlen.“ Der mächtigste Mann der antiken Welt, der über seine Frau spricht wie ein verliebter Teenager. Und 3.200 Jahre später kann man noch jedes Wort lesen.
Ramses wurde etwa neunzig Jahre alt. Er regierte mehr als vierzig Jahre nach Nefertaris Tod. Er heiratete andere Königinnen, zeugte über hundert Kinder und errichtete Monumente über ein Reich, das vom heutigen Sudan bis nach Syrien reichte. Doch was die Welt in Erinnerung behält, sind nicht die Schlachten oder Eroberungen. Es ist ein Tempel, den er mitten im Nirgendwo in eine Felswand meißeln ließ — für eine Frau, über die er nie hinwegkam. Man sagt, nichts ist für die Ewigkeit. Ramses hat das offenbar nicht mitbekommen.
