Im Jahr 1164 schleppt ein bewaffneter Reitertrupp eine goldene Truhe aus Mailand, über die Alpen und den Rhein hinunter nach Köln. Angeführt wird der Zug von Rainald von Dassel, Erzbischof von Köln und rechte Hand von Kaiser Friedrich Barbarossa. In der Truhe, so behauptet Rainald, liegen die Gebeine der Heiligen Drei Könige — jener Weisen aus dem Morgenland, die laut der Weihnachtsgeschichte einem Stern nach Bethlehem folgten und dem neugeborenen Jesus Gold, Weihrauch und Myrrhe brachten.
Aber wie waren die Überreste dreier orientalischer Gelehrter überhaupt nach Italien gelangt? Dafür muss man ins 4. Jahrhundert zurückgehen, als Kaiserin Helena — die Mutter Konstantins, des ersten christlichen römischen Kaisers — durch die antike Welt reiste und heilige Reliquien sammelte. Sie soll die Gebeine der Magier in Persien gefunden und nach Konstantinopel geschickt haben. Von dort gelangten sie nach Mailand, in die Kirche Sant'Eustorgio, wo sie rund achthundert Jahre lagen. Niemand rührte sie an — bis Barbarossa kam.
Mailand hatte sich jahrelang gegen den Kaiser aufgelehnt. 1162, nach zweijähriger Belagerung, nahm Barbarossas Heer die Stadt ein. Und er begnügte sich nicht damit, sie zu besiegen — er machte sie dem Erdboden gleich. Mauern niedergerissen. Gebäude geschleift. Einwohner vertrieben. Eine brutale Warnung an jede Stadt in Norditalien: Legt euch nicht mit dem Kaiser an. Und als letzte Demütigung griff sich Rainald Mailands heiligstes Gut — die Gebeine der Drei Könige — und schleppte sie nach Köln. Es war der größte Reliquienraub des Mittelalters.
Die Wirkung war sofort spürbar. Pilger strömten aus ganz Europa nach Köln. Der alte Dom reichte nicht mehr aus, also plante man einen neuen — den gotischen Dom, der bis heute steht — gebaut für einen einzigen Zweck: diese Gebeine zu beherbergen. Für den Schrein holte man den besten Goldschmied der Zeit, Nikolaus von Verdun. Um 1225 hatte er den größten goldenen Schrein der westlichen Welt vollendet: eine Truhe aus vergoldetem Silber und Kupfer, über zwei Meter lang, besetzt mit mehr als tausend Edelsteinen und goldenen Figuren von Propheten, Aposteln und Königen.
Aller guten Dinge sind drei, heißt es. Köln hat das wörtlich genommen — und drei davon aus Mailand mitgehen lassen. Die gestohlenen Gebeine machten die Stadt reich. Pilger brauchten Betten, Mahlzeiten, Andenken. Die Stadt setzte drei goldene Kronen in ihr Wappen. Der Dreikönigstag wurde zum größten Feiertag der Stadt. Kölns gesamte Identität gründete auf diesen Überresten: Knochen, die einer besiegten Stadt von einem skrupellosen Politiker entrissen, in Gold gesperrt und von Millionen verehrt wurden.
Mailand hat das nie verwunden. Achthundert Jahre lang forderte die Stadt ihre Reliquien zurück. Erst 1903 konnte der Erzbischof von Mailand Köln dazu bewegen, einige wenige Knochenfragmente herauszugeben. Sie kehrten nach Sant'Eustorgio zurück, wo sie noch heute liegen. Aber der Großteil blieb, wo er war — im goldenen Schrein des Nikolaus von Verdun, hinter dem Altar des Doms, der eigens dafür erbaut wurde. Achthundert Jahre später ziehen die gestohlenen Gebeine dreier legendärer Könige noch immer Gläubige an den Rhein.
