Man erzählt, dass der Felsen keinen heiligen Namen trug. Die Leute nannten ihn Mont Tombe — Totenhügel. Alte sagten, dort verlaufe die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits. Die Gezeiten in jener Bucht rasten, wie Hugo schrieb, schneller als ein galoppierendes Pferd. Der Sand verschlang einen Mann bis zur Hüfte, das Meer schnitt den Rückweg ab, ehe man die Falle erkannte. Nur Einsiedler lebten dort, halbverhungert, versorgt durch einen Priester aus Astériac, der Brot auf einem Esel brachte.
Im Jahre 708 erwählte der Erzengel Michael diesen Felsen für sein Heiligtum. Kein gewöhnlicher Engel — er war Heerführer des Himmels, der Streiter, der Satan aus den Höhen gestürzt, der uralte Wäger der Menschenseelen. Sein Name war Schlachtruf: Mi-cha-El — Wer ist wie Gott? In tiefster Nacht erschien er Bischof Aubert von Avranches. Errichte mir ein Gotteshaus auf dem Totenhügel. Aubert fuhr empor. Besonnen, gelehrt, von adligem Blut — er schwieg. Vielleicht, dachte er, war es nur ein Traum.
In der zweiten Nacht kehrte Michael zurück, gewaltiger als zuvor. Aubert lag wach bis zum Morgengrauen, ringend mit dem Zweifel. Der Felsen war Wildnis — kaum mit dem Festland verbunden, von Dornen überwuchert, voller Raubtiere. Und wenn es der Teufel war in der Maske eines Engels? Die Schrift selbst warnte: Prüfet die Geister. Der Bischof bekreuzigte sich, betete und tat abermals nichts. Es war eine vernünftige Entscheidung. Und, wie sich zeigen sollte, ein furchtbarer Fehler.
In der dritten Nacht hörte der Himmel auf zu fragen. Michael erschien in einem Leuchten, das weder Licht noch Feuer war, sondern etwas Älteres als beides. Er streckte den glühenden Finger aus und drückte ihn in Auberts Schädel. Der Knochen gab nach. Im Morgengrauen lief Blut über das Gesicht des Bischofs, im Schädel klaffte ein rundes Loch — eine Wunde, die nie heilen und nie töten würde. Aller guten Dinge sind drei — doch beim dritten Mal gab der Himmel kein gutes Ding. Er gab ein Brandmal.
Aubert handelte wie ein Mann, der Gottes Hand am eigenen Leib gespürt hatte. Er rief das Volk zusammen, den Felsen zu roden, und sandte zwei Vertraute gen Süden — über die Berge nach Monte Gargano in Italien, wo Michael zwei Jahrhunderte zuvor erstmals in einer Höhle erschienen war. Sechs Monate dauerte die Reise. Sie brachten Reliquien heim, die kein Geld kaufen konnte: ein Stück des roten Mantels, den Michael auf seinen Altar gelegt hatte, und Marmor mit dem Abdruck des Engelsfußes.
Während das Heiligtum Stein um Stein wuchs, blieb ein letztes Hindernis: auf dem kahlen Felsen gab es kein Trinkwasser. Ohne Wasser konnte niemand dort leben. Da gewährte der Erzengel ein letztes Wunder — er zeigte Aubert die Stelle im Granit, und Wasser brach aus dem lebendigen Stein. Am Tag der Weihe, dem sechzehnten Oktober 709, wurde eine Frau, blind von Geburt, vor den Altar geführt. Sie öffnete die Augen. Sie sah. Der Totenhügel war tot. Mont-Saint-Michel war geboren.
Drei Jahrhunderte später fanden Mönche in der Abtei ein Skelett in einem Schrein. Sie öffneten den Schädel: ein rundes Loch, groß genug für einen Daumen. Wunder geschahen, Pilger kamen zu Tausenden. Dann brach die Revolution aus — 1792 machte sich der Mob daran, jede Reliquie zu zerstören. Ein Arzt namens Guérin riss den Schädel an sich und verbarg ihn, bis der Wahnsinn vorüber war. Heute liegt er unter Glas in Avranches. Die Wissenschaft sagt: Trepanation. Die Gläubigen: Beweis. Der Berg steht.
