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Rätsel der Vergangenheit·1/1·3
Photograph of Sedlec Ossuary / Bone Church

The place

Sedlec Ossuary / Bone Church

Kunst aus Knochen

Der Holzschnitzer, der sein Meisterwerk in Menschenknochen signierte

1870Sedlec Ossuary / Bone Church

Im Jahr 1870 hatte die Familie Schwarzenberg — eine der mächtigsten Adelsfamilien Böhmens — ein unangenehmes Problem. Unter der Friedhofskirche Allerheiligen in Sedlec lag ein Beinhaus voller menschlicher Knochen. Ein halbblinder Mönch hatte sie vor Jahrhunderten zu Pyramiden aufgeschichtet, doch im Laufe der Zeit waren die Stapel eingestürzt. Knochen lagen überall verstreut. Besucher, angelockt vom makabren Ruf des Ortes, beschwerten sich über das Durcheinander. Es musste etwas geschehen.

Die Schwarzenbergs beauftragten František Rint, einen Holzschnitzer aus Česká Skalice, einem nahen Dorf. Rint war nicht berühmt. Er war kein Künstler im üblichen Sinne. Er war Handwerker — er fertigte Möbel, Altaraufsätze und Zierarbeiten für Kirchen und Adelshäuser. Nichts in seiner bisherigen Laufbahn deutete auch nur ansatzweise auf das hin, was er gleich erschaffen würde.

Rint stieg hinab ins Beinhaus und musterte das Material mit dem Blick eines Tischlers. Zehntausende Knochen, von den Jahrhunderten gebleicht, spröde, aber stabil. Es war kein Holz, aber es ließ sich wie Holz bearbeiten: Jedes Stück hatte eine Form, ein Gewicht, ein ästhetisches Potenzial. Wo andere menschliche Überreste sahen, begann Rint, Rohstoff zu sehen.

Er begann mit dem Kronleuchter. Von der Mitte des Gewölbes herabhängend, sollte er das Herzstück des Beinhauses werden. Rint verwendete mindestens einen Knochen aus jedem Teil des menschlichen Körpers: Schädel an den Ecken, Oberschenkelknochen als Arme, Wirbel aufgefädelt wie Perlen, Beckenknochen und Schulterblätter als Schirm. Das Ergebnis ist zugleich prachtvoll und verstörend — ein Dekorationsstück, bei dem jedes einzelne Teil einmal zu einem lebenden Menschen gehörte.

Dann kamen die Girlanden. Schädelketten, zwischen den Säulen gespannt wie makabre Festdekoration. Die Schwarzenbergs hatten ihr Familienwappen verlangt — Rint meißelte es in Knochen mit bestechender Detailtreue, einschließlich eines Raben, der einem besiegten Türken das Auge aushackt. Eine Anspielung auf einen militärischen Sieg, auf den die Familie besonders stolz war.

Rint arbeitete mit derselben handwerklichen Präzision, die er bei Eiche oder Linde angewandt hätte. Glockenförmige Knochenhügel in den vier Ecken, Kelche, Kreuze, Monstranzen — jedes Stück vermessen, eingepasst, befestigt. Man sagt, «Staub bist du, und zu Staub wirst du zurückkehren.» Aber Rint bewies, dass die Toten auch etwas anderes werden können: ein Schauspiel, ein Werk, etwas, von dem man den Blick nicht abwenden kann.

Als er fertig war, tat Rint etwas, das Besucher bis heute verfolgt: Er signierte sein Werk. Nahe dem Eingang, buchstabiert in Knochen, steht sein Name: F. RINT. Diese Signatur verwandelt das Beinhaus von einer anonymen Kuriosität in ein Werk mit Urheber. Rint beanspruchte es für sich. Er stand dahinter. Das war seine Kunst.

Die Signatur zwingt jeden Besucher zu einer Frage: Ist das Kunst oder Schändung? Rint hat keine Erklärung hinterlassen. Seine Unterschrift sagt nur: Ich habe das gemacht. Was «das» bedeutet, muss jeder selbst entscheiden — stehend unter einem Kronleuchter aus Toten, umgeben von den Überresten vierzigtausend Seelen, die sich nie hätten träumen lassen, dass ihre Knochen einmal zum Material, zum Medium und zum Meisterwerk eines Unbekannten werden würden.

Moral der Geschichte

Kunst aus dem Tod stellt die letzte aller Fragen: Was bleibt von uns, wenn wir gehen — und wer hat das Recht, darüber zu entscheiden?

Figuren

F
Frantisek Rint
T
The Schwarzenberg family
F
Forty thousand anonymous dead

Quelle

Schwarzenberg family records; Rint biographical research; ossuary restoration documentation