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Geister & Flüche·1/2·2
Photograph of Catacombs of Paris

The place

Catacombs of Paris

Das Reich der Toten — Sechs Millionen Knochen wurden Kunst

Als Paris keinen Platz mehr für seine Toten hatte, baute es ihnen einen Palast unter der Erde

Late 18th century (1786-1788)Catacombs of Paris

Man sagt, irgendwann ist das Maß voll. Im Fall von Paris dauerte es tausend Jahre. Jahrhundertelang hatten die Pariser ihre Toten auf denselben Friedhöfen begraben, und der größte — der Cimetière des Saints-Innocents — lag mitten im Stadtzentrum. Gräber waren zehn Schichten tief gestapelt. 1780 brach die Kellerwand eines Nachbargebäudes ein, und eine Lawine verwesender Überreste ergoss sich in jemandes Keller. Die Stadt verrottete von innen heraus.

1786 trafen die Behörden eine drastische Entscheidung: Sämtliche großen Friedhöfe von Paris sollten geräumt und alle Knochen in den Untergrund verlegt werden. Unter der Stadt erstreckten sich über dreihundert Kilometer verlassener Stollen — ehemalige Kalksteinbrüche, seit dem Mittelalter ausgebeutet, um Paris zu erbauen. Notre-Dame, der Louvre, all diese prächtigen Steinbauten — alles aus dem Fels unter ihren Füßen. Jetzt sollten die leeren Tunnel sechs Millionen neue Bewohner aufnehmen.

Die Arbeit fand ausschließlich nachts statt. Die katholische Kirche bestand darauf — dies war heilige Arbeit. Jede Nacht rollten verhüllte Wagen voller Knochen im Fackelschein durch die Straßen, begleitet von Priestern, die Gebete für die Toten sprachen. Stell dir vor, du wohnst an einer dieser Routen. Das Knarren der Holzräder auf dem Kopfsteinpflaster, das dumpfe Murmeln der Gebete, das sichere Wissen, was diese Wagen geladen hatten. Nacht für Nacht, Jahr für Jahr. Sechs Millionen Menschen, eine Wagenladung nach der anderen.

Hier nimmt die Geschichte ihre seltsamste Wendung. Statt die Überreste einfach in einen Tunnel zu kippen, begannen die Arbeiter, sie kunstvoll anzuordnen. Oberschenkelknochen zu makellosen Wänden gestapelt — Reihe um Reihe, vom Boden bis zur Decke. Schädel in regelmäßigen Abständen platziert, die Kreuze, Herzen und geometrische Muster bildeten. Die Knochen wurden zu Architektur. Und über dem Eingang meißelte jemand die Worte, die diesem Ort seinen Namen gaben: «Halt. Dies ist das Reich der Toten.»

Was einen wirklich nicht mehr loslässt: Niemand hat die Knochen sortiert. Der Oberschenkel eines Königs liegt neben dem eines Bettlers. Der Schädel einer Nonne ruht neben dem eines Verbrechers. Paris überlebte Revolutionen, Seuchen und Jahrhunderte voller Krieg, und all diese Menschen — Mächtige wie Vergessene — landeten in derselben Wand, vollkommen anonym. Sechs Millionen Leben, und kein einziger Name hat überdauert. Der Tod kümmert sich nicht um deinen Lebenslauf.

Heute kann man etwa anderthalb Kilometer dieses unterirdischen Knochenpalastes begehen — ein winziger Bruchteil des gesamten Tunnelnetzes unter Paris. Die Gänge sind eng, feucht und vom Boden bis zur Decke mit den Überresten von Menschen ausgekleidet, die einst dieselben Straßen entlangliefen, über die man selbst gerade hierhergekommen ist. Sie waren Bäcker, Soldaten, Mütter, Verbrecher, Priester. Jetzt teilen sie alle denselben weißen Farbton, angeordnet in Mustern, die zugleich schön und zutiefst verstörend sind.

Die Pariser Katakomben sind kein Friedhof. Sie sind ein Denkmal für das Einzige, was jeder Mensch, der je gelebt hat, mit allen anderen teilt. Du kannst ein Imperium errichten, ein Meisterwerk schreiben, dein ganzes Leben dafür kämpfen, dass die Welt deinen Namen behält — deine Knochen landen trotzdem in einer Wand neben denen eines Fremden. Das ist entweder das Erschreckendste an Paris oder das Ehrlichste.

Moral der Geschichte

Der Tod ist der große Gleichmacher — die Hierarchien, die wir zu Lebzeiten aufbauen, sind bedeutungslos, wenn alles auf Knochen reduziert wird.

Figuren

S
Stadtingenieure von Paris
N
Nachtarbeiter
S
Sechs Millionen anonyme Pariser
G
Generalinspektor der Steinbrüche

Quelle

Archives de Paris; Inspection Générale des Carrières records