Hundertein Meter unter den grünen Feldern von Wieliczka, im Süden Polens, liegt eine Kathedrale. Sie ist nicht aus Stein, nicht aus Ziegel, nicht aus Holz. Jede Fläche — Boden, Wände, Decke, Altar, Kronleuchter, Statuen — ist aus einem einzigen Material geschlagen: Steinsalz. Die Kapelle der Heiligen Kinga ist vierundfünfzig Meter lang, achtzehn Meter breit und zwölf Meter hoch. Siebenundsechzig Jahre hat es gedauert, sie zu erschaffen. Keine Architekten haben sie gebaut. Bergleute.
Als Józef Markowski 1896 zum ersten Mal seinen Meißel in die Salzwand einer erschöpften Kammer trieb, saß Queen Victoria auf dem Thron, die Gebrüder Wright hatten noch nicht geflogen, und niemand hatte je von Radio, Kino oder dem Automobil gehört. Als die Kapelle 1963 vollendet wurde, war Kennedy Präsident, die Sowjets hatten einen Menschen ins All geschickt, und die Beatles nahmen ihr erstes Album auf. Die gesamte Moderne liegt zwischen dem ersten und dem letzten Meißelschlag.
Aller guten Dinge sind drei, sagt man — meistens leichthin, beim dritten Bier oder beim dritten Versuch. Aber hier bedeutet drei: drei Menschenleben. Markowski begann das Werk. Wyrodek führte es weiter. Eine neue Generation vollendete es 1963. Jeden Morgen stiegen sie in die dritte Ebene der Mine hinab. Jeden Abend kamen sie zurück. Und am nächsten Tag gingen sie wieder. Jahrzehnt um Jahrzehnt. Mit Handwerkzeug und einer Ausdauer, für die das Wort „Geduld“ nicht annähernd ausreicht.
Die Kronleuchter allein sind ein Meisterwerk. Jeder einzelne enthält zwischen zwanzigtausend und dreißigtausend Salzkristalle, von Hand geformt, um das elektrische Licht — das die alten Öllampen ersetzte — in tausend Facetten zu brechen. Die Kristalle sind nicht durchsichtig wie Glas, sondern durchscheinend wie Alabaster, und geben dem Licht einen warmen, bernsteinfarbenen Ton, den kein anderes Material erzeugen kann. Wer darunter steht, hundert Meter unter der Erde, wird still.
An den Wänden erzählen Reliefs Szenen aus dem Neuen Testament, mit einer Feinheit, die Arbeiten in Marmor ebenbürtig ist. Das berühmteste ist eine Nachbildung von Leonardo da Vincis Abendmahl, in Salz geschlagen, fast im Maßstab des Originals. Christus und seine Apostel treten aus der Salzwand hervor mit einer Ausdruckskraft, die stutzen lässt — Salz, dieses alltägliche Material, offenbart in den Händen eines Meisters eine Fähigkeit für Nuance und Schatten, die niemand erwartet hätte.
Die Kapelle ist bis heute geweiht. Hochzeiten finden hier statt, hundert Meter unter der Erde: Die Braut schreitet über einen Gang aus Salz, unter Kronleuchtern aus Salz, auf einen Altar aus Salz zu. Orchester spielen in der Kammer — die Salzwände formen einen warmen Klang, den kein konventioneller Saal erreicht. Und jeder, der zum ersten Mal hinuntersteigt und zu diesen leuchtenden Kronleuchtern aufblickt, begreift etwas Einfaches: Die größte Kunst entsteht manchmal dort, wo niemand hinschaut.
