In Baalbek im Libanon stecken drei Steinblöcke in einer Mauer. Jeder wiegt achthundert Tonnen. Sie bilden das Fundament des Jupitertempels — des größten Sakralbaus, den das Römische Reich je errichtet hat. Sie passen so exakt zusammen, dass keine Rasierklinge zwischen sie passt. Kein Mörtel. Kein Zement. Nur Kalkstein auf Kalkstein, gehalten von der Schwerkraft und dem Können von Ingenieuren, die nie ihren Namen hinterließen.
Jahrhundertelang hatte niemand die geringste Ahnung, wie sie dorthin gelangt waren. Das Rätsel war so gewaltig, dass es jede rationale Antwort verschluckte. Eine arabische Legende besagte, Kain — Adams Sohn — habe die Stadt mit Hilfe von Riesen erbaut. Die islamische Überlieferung sprach von übernatürlichen Wesen namens Dschinn, die König Salomon gehorchten. Im 19. Jahrhundert schlug ein englischer Entdecker allen Ernstes vor, prähistorische Elefanten hätten als lebende Kräne gedient.
Als Mark Twain 1867 vor der Mauer stand, schrieb er: „Wie diese gewaltigen Blöcke je aus den Steinbrüchen geschafft wurden, ist ein Rätsel, das kein Mensch gelöst hat.“ Er übertrieb kein bisschen. Der Steinbruch liegt achthundert Meter entfernt. Achthundert-Tonnen-Blöcke legten diese Strecke vor zweitausend Jahren zurück — ohne Motoren, ohne Stahl, ohne Räder, die dieses Gewicht tragen konnten. Und trotzdem stehen die Steine da.
Die Antwort kam 1977 von einem französischen Architekten namens Jean-Pierre Adam. Er rechnete nach. Sechzehn rotierende Seilwinden, jede von zweiunddreißig Männern gedreht, verbunden durch Hanfseile und Flaschenzüge. Fünfhundertzwölf Arbeiter insgesamt. Das Gelände zwischen Steinbruch und Tempel fällt leicht ab — die Schwerkraft half mit. Die unmöglichen Fugen? Römische Technik: Nur die Kanten jedes Blocks wurden perfekt plangeschliffen. Keine Außerirdischen. Keine Riesen. Einfach Rom in Höchstform.
Doch der Steinbruch hütete ein noch größeres Geheimnis. Halb begraben, so wie er seit zweitausend Jahren dalag, ruhte ein teilweise behauener Block mit dem Namen Stein der Schwangeren Frau. Tausend Tonnen — schwerer als die drei Steine in der Mauer. Er war fast vom Fels gelöst, wurde aber nie bewegt. Vielleicht zerstörte ein Riss das Vorhaben. Vielleicht kam eine Seuche. Vielleicht ging das Geld aus. Niemand weiß es.
Der Name stammt aus einer lokalen Legende. Eine schwangere Frau behauptete gegenüber den Einwohnern von Baalbek, sie kenne das Geheimnis, den unmöglichen Stein zu bewegen — unter einer Bedingung: Man solle sie ernähren, bis sie ihr Kind zur Welt brächte. Sie willigten ein. Neun Monate lang aß sie bestens. Als das Baby kam, gestand sie, dass sie nicht die leiseste Ahnung hatte. Es dürfte der größte Bluff in der Geschichte der Folklore sein.
Aller guten Dinge sind drei, sagt man. In Baalbek hörte es bei drei nicht auf. 2014 grub ein Team unter Leitung der Archäologin Jeanine Abdul Massih unter dem Stein der Schwangeren Frau, als sie auf etwas stießen, womit niemand gerechnet hatte: noch einen Block, größer als alles, was Menschenhände je aus Fels geschlagen hatten. Fast zwanzig Meter lang. Sechs Meter breit. Über fünf Meter hoch. Tausendsechshundertfünfzig Tonnen — schwerer als vier voll beladene Boeing 747. Der größte bearbeitete Stein der Menschheitsgeschichte, seit der Zeit der Caesaren unter der Erde verborgen.
Sie hatten nicht einmal den Boden erreicht. Abdul Massih erklärte im Steinbruch: „Wir kennen die vollständige Dimension nicht.“ Vor zweitausend Jahren sahen römische Ingenieure diesen Fels und dachten: Den können wir gebrauchen. Sie formten ihn, glätteten seine Flächen, bereiteten ihn für den Transport vor — und gingen für immer. Was sie hinterließen, ist kein Denkmal des Scheiterns. Es ist der Beweis, dass das Größte, was Menschenhände je aus Stein gehauen haben, für etwas noch Größeres bestimmt war.
