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Götter & Monster·4/5·8
Photograph of Baalbek

The place

Baalbek

Der Tempel der Ekstase

Im besterhaltenen römischen Tempel der Welt durchlebten Eingeweihte Tod und Wiedergeburt in Ritualen, die den griechischen Bacchus mit dem phönizischen Adonis verschmolzen

ca. 150 n. Chr. (Bau unter Antoninus Pius); phönizische Epoche (Ursprünge des Adonis-Kults)Baalbek

Im Libanon steht ein römischer Tempel, der größer ist als der Parthenon — und fast niemand kennt ihn. Der Bacchus-Tempel in Baalbek ragt einunddreißig Meter in die Höhe, mit Säulen, die fast doppelt so hoch sind wie die in Athen. Erbaut um 150 n. Chr., ist er der besterhaltene römische Tempel der Welt. Der Abenteurer Richard Halliburton nannte ihn in den 1930er-Jahren den »Hof des Glücks« — ein Name, den die Einheimischen seit Jahrhunderten benutzten. Aber Glück trifft nicht annähernd, was hier geschah.

Die Tür verrät alles. Dreizehn Meter hoch, gilt sie als der kunstvollste Eingang der antiken Welt. Jede Fläche ist bedeckt mit Weinranken, mit tanzenden Frauen mit offenem Haar — den Mänaden, den ekstatischen Anhängerinnen des Weingottes. Dazwischen, wer genau hinsieht, entdeckt Mohnblumen. Wein. Korn. Mohn. Das waren die drei heiligen Substanzen der antiken Mysterienkulte, in Stein gemeißelt wie eine Warnung: Was hinter dieser Tür passiert, wird dich verändern.

Dies war ein Tempel des Bacchus — so nannten die Römer Dionysos, den Gott des Weins, des Wahnsinns und der Wiedergeburt. Hier wurde nicht gebetet. Hier wurde man eingeweiht. Die Kandidaten fasteten zehn Tage, dann betraten sie den Tempel bei Nacht, in purpurnen Gewändern und mit Efeukränzen. Ein langer Saal gesäumt von Säulen führte zum Adyton — dem innersten Heiligtum, über dem Boden erhöht, nur Eingeweihten zugänglich. Darunter lag eine verborgene Kammer, in der Priester den Gläubigen darüber Prophezeiungen zuflüsterten.

Der Höhepunkt war ein Tod. Nicht symbolisch in irgendeinem harmlosen Sinn. Der Eingeweihte wurde zu Bacchus — dem Gott, der laut Mythos als Säugling von den Titanen zerrissen, verschlungen und von Zeus wieder zum Leben erweckt wurde. Priester mit Titanenmasken umringten den knienden Kandidaten. Wandmalereien in der Villa dei Misteri in Pompeji zeigen eine geflügelte Gestalt, die mit einer Peitsche auf einen nackten Rücken einschlägt. Das war keine Strafe. Es war die Zerstörung des alten Selbst — der Tod, der vor jeder Wiedergeburt kommen muss.

Dann kam der Wein — das Blut des Gottes. Antiker Wein war schwächer als unserer, vermutlich versetzt mit Kräutern, Honig und Opium aus den Mohnblumen an der Tür. Der Eingeweihte trank, und das Ich löste sich auf. Wein, Korn, Mohn: Aller guten Dinge sind drei — nur dass diese drei dich nicht stärken sollten, sondern zerstören. Dann die Auferstehung. Gebrochen und weinend wurde der Kandidat »ins Leben zurückgeholt«. Die Griechen nannten es ekstasis — »außerhalb seiner selbst stehen«. Daher unser Wort Ekstase.

Der Gott hier war aber weder ganz griechisch noch ganz römisch. Lange vor Rom verehrten die Phönizier an dieser Stelle einen Gott, der starb und auferstand: Adonis, von einem kanaanäischen Wort für »Herr«. Jeden Frühling färbt sich der nahe Fluss rot — Eisensediment aus den Bergen. Die Alten sahen das Blut ihres Gottes. Als Rom kam, legte es Bacchus über Adonis — zwei sterbende Götter, ein Tempel, eine Wahrheit, die jede Zivilisation dieses Tals für sich fand: Das Geheimnis ist nicht Leben oder Tod, sondern der Übergang dazwischen.

Der Tempel steht noch. Seine Tür trägt noch die Weinranken und Mohnblumen. Die Krypta liegt im Dunkel unter dem Boden, wo die Eingeweihten knieten. Seit sechzehn Jahrhunderten betet hier niemand mehr, aber er hat jedes Imperium überlebt, das ihn beanspruchte — das römische, byzantinische, arabische, osmanische, französische. Steine kümmern sich nicht um Imperien. Sie wurden von Händen geformt, die glaubten, eine Pforte zwischen Welten zu schaffen. Und Pforten, selbst verlassene, bewahren die Form dessen, was einst durch sie hindurchging.

Moral der Geschichte

Jede Zivilisation hat dasselbe Unmögliche gesucht — eine Pforte zwischen Tod und Leben, einen Weg zu sterben und zurückzukehren, sich selbst zu verlieren und verwandelt wiederzufinden. Die Ruinen des Bacchus-Tempels sind der Beweis, dass für einen kurzen Moment der Geschichte, in einem Tal im Libanon, Tausende von Menschen glaubten, genau das gefunden zu haben.

Figuren

B
Bacchus/Dionysos (der sterbende und wiedergeborene Gott)
A
Adonis (der phönizische Jüngling, dessen Blut den Fluss rot färbte)
D
Die Mänaden (ekstatische Anhängerinnen des Weingottes)
O
Otto Puchstein (deutscher Archäologe, 1898–1905)
R
Richard Halliburton (amerikanischer Abenteurer und Autor)

Quelle

Macrobius, Saturnalia I.23; Euripides, The Bacchae; Ovid, Metamorphoses; Villa of the Mysteries, Pompeii (fresco cycle); Puchstein, Otto & Wiegand, Theodor. Baalbek: Ergebnisse der Ausgrabungen, 1921-1925; Halliburton, Richard. Complete Book of Marvels; Hajjar, Youssef. La triade d'Héliopolis-Baalbek, 1977; Pococke, Richard. A Description of the East, 1745