Um 1755 vor Christus tat ein König in Babylon etwas, das kein Herrscher vor ihm gewagt hatte. Hammurabi nahm 282 Gesetze — Regeln über Mord, Diebstahl, Scheidung, sogar über Pfusch am Bau — und ließ sie in eine über zwei Meter hohe Säule aus schwarzem Stein meißeln, so hart, dass man ihn kaum bearbeiten konnte. Dann stellte er sie in einen Tempel, für jeden sichtbar. Die Botschaft war revolutionär: Das Gesetz ist kein Geheimnis der Mächtigen. Es gehört allen.
Oben auf der Stele ist eine Szene eingemeißelt, die alles sagt. Hammurabi steht vor Shamash, dem babylonischen Sonnengott — demjenigen, der alles sah und keine Lüge durchgehen ließ. Shamash überreicht ihm Stab und Ring, uralte Symbole göttlicher Autorität. Die Botschaft ist unmissverständlich: Das hier sind nicht die Launen irgendeines Königs. Sie tragen das Gewicht des Himmels. Darunter legen neunundvierzig Spalten Keilschrift Regeln für fast jeden Bereich des täglichen Lebens fest.
Hammurabi war kein Philosoph. Er war ein Eroberer. Als er um 1792 vor Christus den Thron bestieg, war Babylon ein kleines Königreich, umgeben von Feinden. In dreißig Jahren zerschlug er sie alle — darunter Mari, eine reiche Handelsstadt am Euphrat, deren Zerstörung die antike Welt erschütterte. Seine erhaltenen Briefe zeigen einen König, der persönlich Bewässerungsstreitigkeiten schlichtete und korrupte Beamte aufspürte. Der Kodex war das Meisterwerk eines Kontrollfreaks.
Das berühmteste Gesetz ist Nummer 196: Zerstörst du das Auge eines freien Mannes, wird deines zerstört. Auge um Auge — ein Prinzip, das durch Bibel, Koran und jedes Gericht der Welt hallt. Aber was man gern vergisst: Gerechtigkeit in Babylon hing vom Stand ab. Blendest du einen Reichen, verlierst du dein Auge. Blendest du einen einfachen Mann, zahlst du Geld. Blendest du einen Sklaven, zahlst du dem Besitzer. Das Gesetz galt für alle — gleich behandelt hat es trotzdem nicht alle.
Manche Gesetze waren verblüffend modern. Wenn ein Baumeister schlampig arbeitete und das Haus einstürzte und den Besitzer tötete, wurde der Baumeister hingerichtet. Wenn dein Mann in Kriegsgefangenschaft geriet, durftest du wieder heiraten — und wenn er zurückkam, konntest du wählen, bei wem du bleiben wolltest. Eine Frau, die nachwies, dass ihr Mann sie ständig erniedrigte, durfte ihr Geld nehmen und gehen. Vor viertausend Jahren hatten Frauen in Babylon rechtlichen Schutz vor seelischer Misshandlung.
Die Stele überlebte sechs Jahrhunderte in ihrem Tempel. Dann, um 1158 vor Christus, fiel ein König namens Shutruk-Nahhunte aus dem heutigen Südwestiran ein, plünderte die Stadt Sippar und schleppte den Stein als Kriegsbeute ab. Er begann, Hammurabis Namen abzumeißeln, um seinen eigenen einzugravieren — doch er wurde nie fertig. Die Stele lag über dreitausend Jahre in der Erde, vergessen von jeder Zivilisation, die über ihr aufstieg und unterging.
Im Dezember 1901 grub ein französischer Archäologe namens Jacques de Morgan sie in Susa aus, im heutigen Iran. Die Entdeckung schlug ein wie eine Bombe. Als ein Gelehrter namens Jean-Vincent Scheil den Text im darauffolgenden Jahr übersetzte, waren die Parallelen zum biblischen Recht — besonders zum Buch Exodus — nicht zu übersehen. Wissenschaftler, die geglaubt hatten, die Gesetze Moses seien völlig eigenständig, mussten sich mit einem babylonischen König auseinandersetzen, der verblüffend ähnliche Regeln über tausend Jahre früher niedergeschrieben hatte.
Heute steht die Stele im Louvre in Paris, noch immer gen Himmel gerichtet. Ihre Gesetze sind nach heutigen Maßstäben nicht gerecht — sie bevorzugten die Reichen und erlaubten Grausamkeiten, die wir nicht mehr dulden würden. Aber Hammurabi gab der Welt eine Idee, die jedes Imperium überlebt hat: Das Gesetz existiert vor dem Verbrechen, die Strafe muss verhältnismäßig sein, und selbst ein König steht unter etwas Größerem als seinem eigenen Willen. Man sagt, Papier ist geduldig. Hammurabi traute dem Papier nicht — er nahm den härtesten Stein, den er finden konnte. Viertausend Jahre später hat der Stein recht behalten.
