Es gibt eine Tatsache, die jeden Mächtigen dieser Welt um den Schlaf bringen sollte: Das größte Imperium der antiken Welt fiel nicht durch eine Belagerung. Es fiel während eines Festes. In der Nacht des 12. Oktober 539 v. Chr. wurde Babylon — die am stärksten befestigte Stadt, die je gebaut wurde, mit Mauern so breit, dass Streitwagen darauf fahren konnten — erobert, während seine Herrscher sich betranken. Draußen lagerte die persische Armee. Und drinnen? Wurde Wein eingeschenkt.
Das eigentliche Problem war nicht der Feind vor den Toren — es war der König, der fehlte. Nabonid, letzter König Babylons, hatte seine Hauptstadt zehn Jahre zuvor verlassen und lebte in Tayma, einer Wüstenoase tausend Kilometer entfernt. Sein Sohn Belsazar führte die Geschäfte. Das heiligste Fest — jenes, das den göttlichen Herrschaftsanspruch des Königs erneuerte — war seit einem Jahrzehnt ausgefallen. Die Priester waren wütend. Das Volk verängstigt. Und Persien rückte näher.
In dieser letzten Nacht gab Belsazar ein Festmahl für tausend Adlige. Dann traf er eine Entscheidung, die bis heute nachhallt: Er ließ die goldenen und silbernen Becher bringen, die Nebukadnezar — Babylons größter König — fast fünfzig Jahre zuvor aus dem jüdischen Tempel in Jerusalem geraubt hatte. Heilige Gefäße, dem Gott Israels geweiht. Belsazar und seine Gäste tranken daraus wie aus Partybechern und stießen auf ihre eigenen Götter aus Gold und Stein an.
Dann geschah es. Eine menschliche Hand — kein Arm, kein Körper, nur Finger — erschien aus dem Nichts und begann, an die Palastwand zu schreiben. Belsazar sah es in Echtzeit. Sein Gesicht wurde kreidebleich. Seine Knie gaben nach. Er schrie nach jedem Weisen und Astrologen Babylons und versprach Reichtum und Macht, wer immer die Worte entziffern könnte. Niemand konnte es.
Schließlich erinnerte man sich an Daniel — ein jüdischer Verbannter, inzwischen ein alter Mann, als Jugendlicher vor sechsundsechzig Jahren nach Babylon verschleppt. Er kam, lehnte die Belohnungen ab und las die Wand: MENE, MENE, TEKEL, UPHARSIN. Aramäische Worte mit doppeltem Boden. Als Gewichte: Mine, Schekel, halbe Mine — der schwindende Wert babylonischer Könige. Als Verben: ein Todesurteil. Gezählt. Gewogen. Geteilt. Dein Reich ist am Ende. Persien holt es sich noch heute Nacht.
In derselben Nacht schlugen die Perser zu. Kyros der Große schickte seine Ingenieure flussaufwärts, um den Euphrat umzuleiten. Der Fluss floss mitten durch Babylon, durch Tore in den gewaltigen Mauern hinein und wieder hinaus. Als der Wasserstand sank, wateten persische Soldaten durch das flache Flussbett, schlüpften unter den unbewachten Flusstoren hindurch und nahmen die Stadt von innen. Babylon fiel ohne einen einzigen Kampf.
Belsazar war tot vor Sonnenaufgang. Kyros betrat Babylon siebzehn Tage später — nicht als Zerstörer, sondern als Befreier. Er stellte die Tempel wieder her, ehrte die lokalen Götter und erließ ein Dekret, das Geschichte schrieb: Die verbannten Juden durften heimkehren und ihren Tempel in Jerusalem wieder aufbauen. Die Babylonische Gefangenschaft — fast fünfzig Jahre Zwangsexil — war vorbei. Die heiligen Becher würden in die Stadt zurückkehren, aus der sie gestohlen worden waren.
Man sagt: Das Maß ist voll. Aber in Babylon war es schlimmer — das Maß wurde gewogen und für zu leicht befunden. Imperien kündigen ihr Ende nicht an. Sie feiern Feste. Sie trinken aus gestohlenen Bechern. Sie zählen ihre Mauern und reden sich ein, was Jahrhunderte steht, fällt nicht in einer Nacht. Doch die Geschichte führt eigene Bücher, und jedes Reich wird gewogen — mene, tekel, upharsin. Die Schrift steht immer an der Wand. Die Frage ist nur, ob jemand nüchtern genug ist, sie zu lesen.
