Skip to main content
Kronen & Eroberungen·1/3·3
Photograph of Colosseum

The place

Colosseum

Bedas Prophezeiung

Solange das Kolosseum steht, steht auch Rom

8th century prophecy; echoed through the Middle Ages to the Romantic eraColosseum

Anfang des 8. Jahrhunderts schrieb ein angelsächsischer Mönch namens Beda — bekannt als der Ehrwürdige Beda, der Vater der englischen Geschichtsschreibung — in seinem Kloster im Norden Englands Worte nieder, die dreizehn Jahrhunderte überdauern sollten. Das Erstaunliche dabei: Er hatte Rom wahrscheinlich nie mit eigenen Augen gesehen. Trotzdem wurde sein Satz zur berühmtesten Prophezeiung, die je an ein Bauwerk geknüpft wurde: «Solange das Kolosseum steht, steht auch Rom; wenn das Kolosseum fällt, fällt auch Rom; und wenn Rom fällt, fällt die Welt.»

Historiker streiten darüber, ob Beda die Prophezeiung selbst formuliert oder nur eine noch ältere Überlieferung aufgeschrieben hat. Aber das spielt letztlich kaum eine Rolle, denn ihre Wirkung war gewaltig. Für mittelalterliche Pilger, die riesige Strecken auf sich nahmen, um Rom zu erreichen — die Ewige Stadt, das Zentrum der Christenheit — war das Kolosseum nicht einfach eine beeindruckende Ruine. Es war ein kosmisches Barometer. Sein Zustand spiegelte ihrer Überzeugung nach die geistliche Gesundheit der ganzen Welt wider.

Und dieser Glaube hatte sehr reale Folgen. Das gesamte Mittelalter hindurch wurde das Kolosseum gnadenlos geplündert. Seine Travertinblöcke landeten in Palästen, Kirchen und Brücken überall in Rom. Mächtige Adelsfamilien — die Frangipane, die Annibaldi — bauten Festungstürme direkt in seine Bögen. Die Erdbeben von 847 und 1349 rissen ganze Abschnitte der Außenmauer ein, und die gefallenen Steine wurden ohne Zögern abtransportiert.

Zur Zeit der Renaissance waren zwei Drittel des ursprünglichen Baus verschwunden. Man sagt: Was geschrieben steht, das steht. Und tatsächlich — es waren die geschriebenen Worte eines Mönchs, die am Ende stärker waren als tausend Jahre Zerstörung.

Denn genau Bedas Prophezeiung rettete, was übrig war. Je weiter sich seine Worte verbreiteten und je ernster man sie nahm, desto nervöser wurden Roms Machthaber. Wenn das Kolosseum fiel, würde Rom fallen — und mit ihm die Welt. Im Jahr 1749 traf Papst Benedikt XIV. eine wegweisende Entscheidung: Er erklärte das Kolosseum zum heiligen Ort, geweiht dem Andenken der christlichen Märtyrer, die angeblich in der Arena gestorben waren. Er ließ Kreuzwegstationen in seinen Mauern errichten. Die Plünderung hörte schlagartig auf.

Jahrzehnte später, 1818, verewigte der englische Dichter Lord Byron die Prophezeiung in seinem Werk Childe Harold's Pilgrimage. Byron betrachtete die Ruinen im Mondlicht und sah darin etwas, das andere nicht sahen: Für ihn war das Kolosseum als Ruine schöner als es je im Ganzen gewesen war, weil seine zerbrochenen Bögen von der Vergänglichkeit aller menschlichen Macht erzählten. Seine Verse machten das Kolosseum zur Pflichtstation der Europareise.

Die Prophezeiung erfüllte sich am Ende auf die unerwartetste Weise. Nicht weil das Kolosseum fiel und Rom mit ihm — sondern weil die Menschen so fest an die Worte glaubten, dass sie das Gebäude schützten, um ihr eigenes Schicksal abzuwenden. Die Ruine, die heute im Herzen Roms steht — gezeichnet, unvollständig, aber grandios unbeugsam — überlebt nicht trotz Bedas Worten, sondern dank ihnen. Die Worte bewahrten, was der Stein allein nicht konnte.

Moral der Geschichte

Eine Prophezeiung, an die man fest genug glaubt, kann zur Kraft werden, die ihre eigene Erfüllung sichert — Worte können bewahren, was Stein allein nicht kann.

Figuren

T
The Venerable Bede
P
Pope Benedict XIV
L
Lord Byron
M
Medieval pilgrims

Quelle

Bede, Collectanea; Byron, Childe Harold's Pilgrimage, Canto IV