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Verschollen & Wiedergefunden·1/3·3
Photograph of Pompeii

The place

Pompeii

Die Liebenden von Pompeji

Eine Umarmung, die den Vulkan überdauerte — und das Jahrhundert, das sie falsch verstand

79 n. Chr. (neu analysiert 2017)Pompeii

Im Jahr 79 explodierte der Vesuv. Eine Lawine aus Vulkanasche und glühend heißen Gasen begrub Pompeji innerhalb weniger Stunden. Tausende starben, ohne auch nur einen Schritt tun zu können. Jahrhunderte später entdeckten Archäologen, dass die Körper Hohlräume in der erhärteten Asche hinterlassen hatten — und dass man durch Ausgießen mit Gips die Toten genau so nachbilden konnte, wie sie gefallen waren. Unter Hunderten dieser verstörenden Abgüsse war einer, der die Welt innehalten ließ: zwei Gestalten in einer Umarmung, eine die andere schützend, aneinander geklammert, während alles endete.

Über hundert Jahre lang nannte man sie „Die zwei Mädchen“. Die Geschichte schien offensichtlich: zwei junge Frauen — vielleicht Schwestern, vielleicht Mutter und Tochter — die sich aneinanderklammerten, als der Tod kam. Die Haltung wirkte zärtlich, die Körper wirkten zierlich, und die Gelehrten des 19. Jahrhunderts kamen nie auf die Idee, das infrage zu stellen. Generationen von Stadtführern erzählten dasselbe. Die Zwei Mädchen wurden zu einem der berühmtesten Symbole Pompejis — ein Bild der Hingabe, eingefroren in Asche.

Dann, 2017, unterzog ein Team der Universität Florenz die Abgüsse CT-Scans und DNA-Tests — Technologie, die es bei ihrer Entdeckung schlicht nicht gab. Die Ergebnisse zertrümmerten mehr als ein Jahrhundert an Gewissheiten. Die Zwei Mädchen waren keine Mädchen. Nicht einmal Frauen. Beide Gestalten waren Männer. Jung — zwischen achtzehn und zwanzig Jahre alt. Zwei junge Männer, die sich umarmten, während der Vulkan alle um sie herum tötete.

Die Nachricht ging um die Welt. Die naheliegende Frage kam sofort: Was waren diese beiden füreinander? Die Wissenschaft konnte das nicht beantworten. Sie könnten Brüder gewesen sein. Enge Freunde. Liebende. Im antiken Rom waren romantische und sexuelle Beziehungen zwischen Männern verbreitet und offen anerkannt — auch wenn die Gesellschaft strenge Regeln nach Stand und Klasse hatte. Diese beiden konnten alles füreinander gewesen sein. Die Asche hat ihre Körper bewahrt, nicht ihre Geschichte.

Aber die Haltung selbst erzählt etwas: Als der Himmel schwarz wurde und die Luft zu Gift, rannten diese beiden nicht in verschiedene Richtungen davon. Sie suchten einander. Einer legte sich schützend um den anderen, das Gesicht an seinen Körper gepresst, die Arme fest um ihn geschlungen. Es ist eine Geste, die kein Etikett braucht. Brüder tun das. Freunde tun das. Liebende tun das. Zwei Menschen, die jemanden, der ihnen etwas bedeutet, nicht allein sterben lassen — das ist es, was hier vor uns liegt.

Man sagt, der Schein trügt. Diesmal hat er ein ganzes Jahrhundert lang getrogen — und der Irrtum wurde zur eigenen Lektion. Eine Geschichte darüber, wie wir sehen, was wir erwarten. Die Gelehrten des 19. Jahrhunderts sahen Zärtlichkeit und schlossen auf „Frauen“. Es kam ihnen nicht einmal in den Sinn, dass zwei Männer sich so halten könnten. Die Verwechslung sagt mehr über die Betrachter als über die zwei Gestalten in der Asche.

Heute nennt man sie manchmal „Die Liebenden von Pompeji“, auch wenn kein offizieller Name sich so weit vorwagt. Jede Generation liest diese Umarmung mit eigenen Augen. Aber das Bild ändert sich nicht. Zwei junge Männer, kaum über die Jugend hinaus, ineinander verschlungen am letzten Morgen ihres Lebens. Egal, wie man es nennt — Brüderlichkeit, Freundschaft, Liebe — der Asche ist es gleich. Sie hielten sich fest. Das ist die ganze Geschichte.

Moral der Geschichte

Egal, welche Form Liebe annimmt — sie ist das Letzte, wonach wir greifen, wenn alles andere verloren ist. Und die Geschichten, die wir über die Toten erzählen, sagen mehr über uns als über sie.

Figuren

D
Die zwei umschlungenen Gestalten (nicht identifizierte Männer, 18–20 Jahre)

Quelle

Lazer, Estelle. Resurrecting Pompeii, 2009; University of Florence DNA study, 2017; National Geographic coverage