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Rätsel der Vergangenheit·3/3·2
Photograph of Pompeii

The place

Pompeii

Die Villa der Mysterien

Ein verbotenes Ritual, eingefroren in Farbe seit zweitausend Jahren

Late Roman Republic (c. 60 BC), preserved by eruption of 79 ADPompeii

Direkt vor den Mauern von Pompeji, begraben unter Tonnen von Vulkanasche, lag ein Raum, den niemand jemals wieder sehen sollte. Als Archäologen ihn Anfang des 20. Jahrhunderts freilegten, verschlug es ihnen die Sprache: neunundzwanzig lebensgroße Figuren, gemalt auf blutrote Wände, die Schritt für Schritt eine Einweihung in einen uralten, verbotenen Kult darzustellen schienen.

Die Malereien stammen aus der Zeit um 60 v. Chr. und ziehen sich über drei Wände wie ein Breitwandfilm. Sie erzählen eine einzige, zusammenhängende Geschichte. Eine junge Frau tritt ein, verschleiert, sichtlich nervös. Eine Priesterin liest von einer heiligen Schriftrolle. Ein Junge rezitiert etwas, während eine andere Frau eine Opfergabe darbringt. Bis hierhin könnte es jede beliebige römische Zeremonie sein. Doch dann kippt die Szene.

Eine Frau hebt ein Tuch von einem Korb und enthüllt etwas Verborgenes — höchstwahrscheinlich ein heiliges Symbol des Dionysos, des griechischen Gottes des Weins, des Wahnsinns und der Ekstase. Eine geflügelte Gestalt hebt eine Peitsche. Die junge Frau sinkt auf die Knie, halb entblößt, und wartet auf den Schlag. Neben ihr tanzt eine andere wie in Trance, völlig entrückt. Lust und Schmerz, die ungebremst aufeinanderprallen.

Und jetzt kommt der eigentliche Hammer. Im Jahr 186 v. Chr. — mehr als ein Jahrhundert bevor diese Fresken entstanden — hatte der römische Senat den Kult des Bacchus, die römische Version von Dionysos, offiziell verboten. Man beschuldigte seine Anhänger der Verschwörung, der Ausschweifung und des Mordes und ließ Tausende in ganz Italien hinrichten. Es war eine der brutalsten religiösen Verfolgungen der römischen Geschichte.

Und trotzdem ließ jemand — vermutlich eine wohlhabende Römerin — diese verbotenen Rituale in aller Ausführlichkeit an die Wände ihres privaten Speisesaals malen. Vom Boden bis zur Decke. In einem Haus, in dem sie Gäste empfing. Man sagt ja: Verbotene Früchte schmecken am besten. Diese Frau hat sie nicht nur gekostet — sie hat sie in Farbe an die Wand gepinselt.

Seit über hundert Jahren streiten sich Fachleute über diese Fresken. Manche sagen, es ist die Dokumentation einer echten Einweihung. Andere halten es für eher symbolisch — ein Bild für die Reise der Seele durch Angst hin zur Verwandlung. Einige glauben, es sei schlicht die Hochzeitsvorbereitung einer reichen Braut, verpackt in dramatische religiöse Bilder. Die ehrliche Antwort: Niemand weiß es.

Und genau das war der Sinn der Sache. Man nannte diese Rituale „die Mysterien“, weil die Eingeweihten schworen, niemals zu verraten, was geschah — nicht mündlich, nicht schriftlich, niemals. Der einzige Grund, warum wir überhaupt etwas davon wissen, ist, dass der Vesuv im Jahr 79 n. Chr. ausbrach und diesen Raum in Dunkelheit begrub — fast zweitausend Jahre lang. Der Vulkan, der Pompeji zerstörte, hat ausgerechnet das eine bewahrt, was nie jemand sehen sollte.

Moral der Geschichte

Die mächtigsten Erfahrungen sind jene, die sich nicht in Worte fassen lassen — was für immer geheim bleiben sollte, wurde durch eine Katastrophe für die Ewigkeit bewahrt.

Figuren

T
The young initiate
D
Dionysus/Bacchus (depicted)
T
The winged flagellator
W
Wealthy villa owner
P
Priestess of the Mysteries

Quelle

Maiuri, Alfonso, La Villa dei Misteri; Zanker, Paul, Pompeii: Public and Private Life