Der sächsische Kriegsherr Hengist lud 460 britische Adlige zu einer Friedenskonferenz bei Salisbury ein. Es sollte ein Zeichen der Versöhnung sein. Es war eine Falle. Er ließ sie alle bis auf den Letzten abschlachten. Ihre Leichen landeten in einem Massengrab auf der Ebene, und ihr König, Aurelius Ambrosius, war vom Schmerz zerbrochen. Er schwor, ein Denkmal zu errichten, so gewaltig, dass die Welt nie vergessen würde, was dort geschehen war.
Aurelius rief die besten Baumeister und Handwerker ganz Britanniens zusammen. Keiner von ihnen konnte sich etwas vorstellen, das der Gefallenen würdig gewesen wäre. Schließlich riet der Erzbischof Tremounus dem König, es gebe nur einen einzigen Mann, der helfen könne: Merlin, den Zauberer, dessen Weisheit die jedes Sterblichen übertraf. Der König ließ ihn sofort holen.
Merlins Antwort verschlug dem ganzen Hof die Sprache. In Irland, sagte er, auf einem Gipfel namens Killaraus, stehe ein Kreis aus gewaltigen Steinen — der Tanz der Riesen. Urzeitliche Riesen hatten sie aus Afrika dorthin gebracht, weil die Steine wundersame Heilkräfte besaßen: Man musste nur Wasser darüber gießen und darin baden, und jede Krankheit verschwand. Nichts auf der Welt konnte sich mit ihnen messen. Nur diese Steine waren der Toten würdig.
Der König lachte. Warum nach Irland segeln, um Steine zu holen, wenn Britannien mehr als genug davon hatte? Doch Merlin schnitt ihm das Wort ab: Das seien keine gewöhnlichen Steine. Ihre Kraft sei uralt und unersetzlich. Aurelius ließ sich überzeugen. Er entsandte fünfzehntausend Soldaten unter dem Befehl seines eigenen Bruders Uther Pendragon — dem zukünftigen Vater von König Artus —, zusammen mit Merlin, um die Steine zu holen.
Das Heer erreichte den Berg Killaraus und stand staunend vor dem mächtigen Steinkreis. Dann machten sie sich ans Werk: Seile, Leitern, rohe Muskelkraft. Die Steine rührten sich keinen Zentimeter. Man sagt, aller guten Dinge sind drei — aber nach dem dritten Anlauf waren die Soldaten am Ende, nicht die Steine. Die Megalithen schienen von einer Macht in der Erde verwurzelt, die alles Menschliche überstieg.
Merlin beobachtete ihr Scheitern mit stiller Belustigung, dann trat er vor. Rohe Gewalt bringt hier nichts, sagte er. Nur Geschick kann das schaffen. Er machte sich ans Werk mit dem, was der mittelalterliche Chronist Geoffrey von Monmouth geheimnisvoll als «seine eigenen Künste» beschreibt. Waren es Maschinen? Zaubersprüche? Eine Mischung aus Ingenieurskunst und Magie? Geoffrey verrät es nie. Sicher ist nur: Merlin zerlegte jeden einzelnen Stein mit atemberaubender Leichtigkeit.
Er lud die Steine auf Schiffe, segelte über die Irische See nach Britannien und richtete sie auf der Ebene von Salisbury in genau derselben Anordnung wieder auf — ein großer Ring über dem Massengrab der ermordeten Adligen. Aurelius weihte das Denkmal, und der Legende nach steht es dort bis heute.
Und jetzt wird es wirklich spannend: Der innere Ring von Stonehenge besteht tatsächlich aus Blausteinen — Dolerit und Rhyolith — aus den Preseli-Bergen im Südwesten von Wales, rund 240 Kilometer entfernt. Geoffrey verlegte den Ursprung nach Irland statt nach Wales, aber der Kern der Geschichte ist erstaunlich treffsicher: Die Steine kamen aus einem fernen Land im Westen, über Wasser, auf Wegen, die wir bis heute nicht ganz verstehen. Manche Forscher glauben, die Erinnerung an diese epische Reise überlebte dreitausend Jahre in der mündlichen Überlieferung, bevor Geoffrey sie aufschrieb — verwandelt durch die Zeit in eine Geschichte von Zauberkunst und Riesen.
