Sommer 1941. Auschwitz ist noch nicht die industrielle Tötungsmaschinerie, als die es die Welt kennenlernen wird. Es ist vor allem ein Lager für polnische politische Gefangene, und der Terror basiert nicht auf Massenvernichtung, sondern auf gezielter, persönlicher Grausamkeit. Als im Juli ein Häftling flieht, verhängt der SS-Lagerführer Karl Fritzsch eine Kollektivstrafe: Zehn Männer aus der Baracke des Geflohenen werden ausgewählt und im Keller von Block 11 — dem Gebäude, das die Häftlinge den «Todesblock» nennen — dem Hungertod überlassen.
Die Auswahl findet auf dem Appellplatz statt, in der brutalen Sommerhitze. Die Gefangenen stehen in Reihen, reglos, während Fritzsch an ihnen vorbeigeht und scheinbar willkürlich auf einzelne Männer zeigt. Als sein Finger auf Franciszek Gajowniczek fällt — einen Sergeant der polnischen Armee — schreit der Mann aus tiefster Seele: «Meine Frau! Meine Kinder!» Jeder Häftling auf dem Platz versteht diesen Schrei bis ins Mark. Denn jeder von ihnen hat jemanden, den er vielleicht nie wiedersehen wird.
Da tritt ein Mann aus den schweigenden, verängstigten Reihen. Klein, abgemagert, mit Brille. Auf seiner Häftlingskleidung die Nummer 16670. Sein Name: Maximilian Kolbe. Vor dem Krieg war er Franziskanermönch — Priester, Verleger, Missionar, der in Japan und Indien Klöster gegründet hatte. Die Gestapo hatte ihn verhaftet, weil er in seinem Kloster in Niepokalanów Juden und polnische Flüchtlinge versteckt hatte.
Kolbe geht auf den Lagerführer zu und stellt eine Bitte, die in Auschwitz noch nie jemand geäußert hat: Er will Gajowniczeks Platz einnehmen. «Ich bin ein katholischer Priester», sagt er. «Ich bin alt. Er hat eine Frau und Kinder.» Er ist siebenundvierzig Jahre alt. Fritzsch — vielleicht fassungslos, vielleicht belustigt über die Absurdität eines Menschen, der freiwillig den Tod wählt — stimmt zu.
Kolbe und die neun anderen Verurteilten werden in den Hungerbunker gesperrt — eine fensterlose Kellerzelle, ohne Nahrung, ohne Wasser. Der Tod durch Verhungern und Verdursten dauerte in diesen Zellen gewöhnlich zwei Wochen. Die Wachen waren es gewohnt, Schreie, Schluchzen und markerschütterndes Stöhnen zu hören. Aus Kolbes Zelle aber kam etwas anderes: Gesang.
Man sagt: In der Not erkennt man den Freund. Kolbe war nicht einmal ein Freund — er war ein Fremder, der sein Leben für einen anderen gab. Er betete mit den Verurteilten, hörte ihre Beichten, spendete Trost. Die Körper fielen einer nach dem anderen auf den Betonboden, doch seine Stimme — immer schwächer, aber nie verstummend — hörte nicht auf. Nach zwei Wochen brauchte die SS die Zellen. Vier Männer lebten noch. Kolbe war der letzte bei Bewusstsein: kniend an der Wand, noch immer betend.
Der Lagerarzt kam mit einer Spritze Karbolsäure. Kolbe, zu schwach zum Sprechen, streckte seinen linken Arm aus. Er starb am 14. August 1941, am Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt — ein Zusammentreffen, das die katholische Tradition als Fügung deuten sollte.
Franciszek Gajowniczek überlebte Auschwitz. Er wurde dreiundneunzig Jahre alt und starb 1995. Die verbleibenden vierundfünfzig Jahre seines Lebens widmete er Kolbes Geschichte. 1982 sprach Papst Johannes Paul II. — selbst ein Pole, der die NS-Besatzung erlebt hatte — Kolbe heilig. Gajowniczek stand auf dem Petersplatz und weinte hemmungslos.
Heute ist Zelle 18 in Block 11 eine Gedenkstätte. Besucher stehen im engen Betongang und blicken in die winzige Zelle, in der ein Mensch den Tod mit einer Ruhe wählte, die selbst die SS-Wachen nicht begreifen konnten. Auf dem Boden Blumen und Kerzen. In der Stille dieses Kellers geschah, was die gesamte Maschinerie von Auschwitz unmöglich machen sollte: Ein Mensch handelte frei, wählte die Liebe statt der Angst und bewies, dass der menschliche Geist selbst am dunkelsten Ort der Erde nicht erlischt.
