Die Neunte Legion — Legio IX Hispana — war keine gewöhnliche Truppe. Diese Männer kämpften unter Julius Cäsar bei der Eroberung Galliens in den 50ern vor Christus. Sie folgten ihm in den Bürgerkrieg, der die Republik zerstörte und das Kaiserreich erschuf. Als Kaiser Claudius sie 43 n. Chr. zur Invasion Britanniens schickte, hatte die Neunte über hundert Jahre Krieg hinter sich. Fünftausend Veteranen, stationiert in York — Nordenglands Militärhauptstadt — an Roms gefährlichster Grenze.
Und dann waren sie weg.
Der letzte Beweis für die Neunte ist eine Inschrift in York, Jahr 108. Danach — nichts. Keine Versetzungsbefehle, keine Grabsteine, kein Wort in den besessen genauen Militärakten Roms. Als Kaiser Hadrian 122 nach Britannien kam, um seinen Wall zu bauen, war die Neunte verschwunden. Eine Ersatzlegion wurde aus Germanien geschickt — aus der Nachbarschaft. Rom verfolgte jede Einheit über drei Kontinente. Dass eine ganze Legion aus den Akten verschwindet? Da ist etwas gründlich schiefgelaufen.
Die berühmteste Theorie ist auch die grausamste. Die Neunte marschierte nach Kaledonien — das heutige Schottland — um die Pikten zu schlagen, wilde Krieger, die die Römer „die Bemalten“ nannten. Stell dir fünftausend Mann im Hochland vor: nebelverhangene Berge, dichter Wald, endlose Moore. Ein Albtraum für Soldaten, trainiert für flaches Gelände. Die Pikten kannten jeden Pfad, überfielen die Kolonne, schnitten den Nachschub ab — und vernichteten sie. Fünftausend Mann, verschluckt vom Nebel.
Aber die Geschichte hat einen Haken. In den 1950ern fanden Archäologen in Nijmegen — direkt an der deutschen Grenze — Ziegel mit dem Stempel der Neunten. Beweis, dass Teile der Legion nach 108 das Festland erreichten. Manche Historiker glauben, die Neunte wurde gar nicht in Schottland vernichtet, sondern verlegt und anderswo ausgelöscht — vielleicht im jüdischen Aufstand in Judäa um 132, wo Rom ganze Einheiten verlor. Ein Rätsel ersetzt das andere. Die Stille in den Akten bleibt genauso laut.
Dieses ungeklärte Verschwinden wurde zur britischen Legende. Rosemary Sutcliff machte 1954 daraus den Roman „Der Adler der Neunten“ — die Geschichte eines jungen römischen Offiziers, der jenseits des Hadrianswalls nach der verlorenen Legion seines Vaters sucht. Generationen britischer Kinder wuchsen damit auf. 2011 wurde daraus der Film „The Eagle“. Sutcliffs Version — die Neunte im letzten Gefecht gegen piktische Krieger im Hochland — ist das Bild, das die meisten im Kopf tragen.
Man sagt: Hochmut kommt vor dem Fall. Aber bei der Neunten kam nicht mal ein Fall — es kam einfach gar nichts mehr. Hadrian baute seinen Wall, weil im Norden etwas katastrophal schiefgegangen war. Ob die Neunte unter schottischem Heidekraut liegt oder unter dem Sand des Nahen Ostens — ihr Verschwinden zog diese Linie quer durch Britannien für immer. Das mächtigste Imperium der Antike verlor fünftausend Mann. Und fand nie heraus, wie.
