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Kronen & Eroberungen·2/2·4
Photograph of Hadrian's Wall

The place

Hadrian's Wall

Vindolanda — Stimmen vom Rand der Welt

Hauchdünne Holztäfelchen, die nach zweitausend Jahren Schweigen sprechen

Late 1st to early 2nd century AD (c. AD 85-130)Hadrian's Wall

Frühling 1973. Ein britischer Archäologe namens Robin Birley grub sich durch den schwarzen, durchnässten Schlamm von Vindolanda — einem römischen Militärlager direkt südlich des Hadrianswalls im Norden Englands. Im Matsch entdeckte er hauchdünne Holzsplitter und hielt sie für Abfälle einer Tischlerwerkstatt. Dann hob er einen gegen das Licht. Da standen Worte — blasse lateinische Buchstaben, mit Tinte auf Birkenholz geschrieben, dünner als eine Postkarte. Das Stück Holz war fast neunzehnhundert Jahre alt. Und es war dabei, die Toten zum Sprechen zu bringen.

Was Birley gefunden hatte, war eine Zeitkapsel. Das Fort war ab etwa 85 n. Chr. mehrfach umgebaut worden, und jeder Umbau begrub die darunterliegende Schicht unter feuchtem, sauerstofffreiem Boden — genau die Bedingung, unter der Holz, Leder und Tinte überdauern. Sein Sohn Andrew setzte die Grabungen fort. Zusammen haben sie über eintausendsechshundert Holztäfelchen aus der Erde geholt. Keine Kaiserdekrete. Keine feierlichen Reden. Einfach Soldaten, Ehefrauen und Offiziere, die sich Alltagsnotizen schrieben. Und genau das macht sie so außergewöhnlich.

Die berühmteste Tafel ist eine Geburtstagseinladung. Claudia Severa, Frau eines Offiziers aus einem Nachbarfort, schreibt an ihre Freundin Sulpicia Lepidina in Vindolanda: „Ich lade dich herzlich ein zu kommen, damit dein Besuch meinen Tag schöner macht." Den Brief hat ein Schreiber verfasst. Aber ganz unten, in ihrer eigenen unsicheren Handschrift, fügte Claudia sechs Worte hinzu: „Ich werde auf dich warten, Schwester." Diese sechs Worte sind der älteste lateinische Text, den eine Frau in der gesamten römischen Welt geschrieben hat.

Dann ist da der Brief eines Soldaten — wahrscheinlich ein ausländischer Rekrut im Dienst Roms — der nach Hause schreibt und um Nachschub bittet: „Ich habe dir geschickt… Paar Socken, zwei Paar Sandalen und zwei Paar Unterhosen." Richtig gelesen: Das ist die allererste Erwähnung von Unterwäsche in der gesamten Geschichte Britanniens. Vergiss Bronzerüstungen und Schlachtrufe. Das war ein Typ, der auf einem verregneten, eiskalten Grenzposten festsaß und seine Familie um saubere Socken bat. Das ist kein Mythos. Das ist Alltag.

Andere Tafeln sind genauso aufschlussreich. Eine ist ein Hilferuf: „Die Soldaten haben kein Bier mehr — bitte welches schicken lassen." Eine andere ist ein Truppenbericht: Von 752 Soldaten einer Einheit waren nur 296 anwesend und einsatzfähig — der Rest krank, verwundet oder woanders abgestellt. Und dann gibt es die Geheimdienstnotiz, die die Einheimischen als „Brittunculi" bezeichnet — ungefähr: „die erbärmlichen kleinen Briten" — und sich darüber lustig macht, dass sie nicht mal richtige Rüstungen tragen. Das liest sich wie ein Militär-Gruppenchat: pure Arroganz, null Respekt.

Papier ist geduldig, sagen wir. Birkenholz, wie sich zeigt, noch geduldiger — neunzehnhundert Jahre lang. Und was diese Tafeln erzählen, trifft ins Mark. Die Soldaten waren keine Römer aus Rom. Es waren Bataver aus den heutigen Niederlanden, Tungrer aus Belgien, Gallier aus Frankreich — Männer, die in eroberten Gebieten eingezogen und an eine kalte, graue Insel am Rand der bekannten Welt geschickt wurden. Ihre Briefe stecken voller verzweifelter Versuche, den Kontakt zu halten: eine Mutter, die Socken schickt, Freunde, die Geburtstage planen, Offiziere, die Klatsch austauschen.

Man nennt die Tafeln „die E-Mails der Antike", und ehrlich gesagt passt das perfekt. Sie sind kurz, unordentlich, voller Abkürzungen und zutiefst persönlich. Die Ausgrabungen in Vindolanda gehen weiter — Andrew Birleys Team holt jede Saison neue Tafeln aus der Erde. Und jede sagt dasselbe: Der Abstand zwischen uns und den Menschen vor zweitausend Jahren ist viel kleiner, als wir denken. Sie brauchten warme Kleidung, kaltes Bier und jemanden, mit dem sie einen Geburtstag feiern konnten. Wir auch.

Moral der Geschichte

Die bedeutendsten historischen Entdeckungen sind nicht immer goldene Schätze oder monumentale Inschriften — manchmal sind es die alltäglichsten menschlichen Worte, die uns über Jahrtausende hinweg daran erinnern, dass wir immer gleich waren: Wesen, die Wärme, Freundschaft und jemanden zum Geburtstagfeiern brauchen.

Figuren

R
Robin Birley
A
Andrew Birley
C
Claudia Severa
S
Sulpicia Lepidina
F
Flavius Cerialis (Prefect of the Ninth Cohort of Batavians)
T
The unnamed soldier requesting socks and underpants

Quelle

Robin Birley, "Vindolanda: A Roman Frontier Fort on Hadrian's Wall" (2009); Alan K. Bowman, "Life and Letters on the Roman Frontier: Vindolanda and its People" (2003); Tab. Vindol. II 291 (Claudia Severa's birthday invitation); British Museum Vindolanda Tablets Online (vindolanda.csad.ox.ac.uk)