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Geister & Flüche·1/3·2
Photograph of Buda Castle

The place

Buda Castle

Der Sohn des Drachen

Als Vlad der Pfähler unter der Burg von Buda gefangen war

1462-1474Buda Castle

Unter der Burg von Buda in Budapest liegt ein Labyrinth aus Höhlen und Tunneln — über Millionen von Jahren von unterirdischen Flüssen ausgewaschen und dann über Jahrhunderte von Menschen erweitert. Heute spazieren Touristen mit Stimmungslicht und Audioguides hindurch und machen Fotos im Halbdunkel. Was die meisten nicht ahnen: Einer der furchteinflößendsten Menschen der Geschichte hat hier unten gelebt.

Sein Name war Vlad III., Fürst der Walachei — eines kleinen Reichs im heutigen Süden Rumäniens. Sein Vater war Mitglied des Drachenordens gewesen, einer christlichen Ritterbruderschaft im Kampf gegen die osmanischen Türken. Das brachte ihm den Beinamen Dracul ein — "der Drache". Und das machte Vlad wörtlich zu Drăculea: dem Sohn des Drachen. Doch die Welt sollte ihn unter einem weit dunkleren Namen kennenlernen — Vlad der Pfähler.

1462 ließ sein eigener Verbündeter — König Matthias Corvinus von Ungarn — ihn verhaften. Warum sollte ein König seinen schlagkräftigsten Kämpfer gegen die Osmanen fallen lassen? Vielleicht waren Vlads Methoden diplomatisch nicht mehr tragbar. Vielleicht wollte Matthias jemanden auf dem Thron der Walachei, den er besser kontrollieren konnte. Wie auch immer — der Pfähler wurde nach Buda gebracht und unter der Burg eingesperrt.

Und jetzt wird es seltsam: Es war kein Kerker. Vlad war von königlichem Blut, also bekam er komfortable Räume, Diener, sogar Bücher. Er durfte sich in bestimmten Teilen der Tunnel frei bewegen. Aber an jedem Ausgang standen bewaffnete Wachen. Zwölf Jahre lang war das ein goldener Käfig. Keine Folter. Keine Freiheit. Nur... Warten.

Aber Vlad konnte nicht stillsitzen. Laut Augenzeugen fing er an, Ratten zu fangen und sie auf kleine Holzstäbchen zu spießen. Dann Spinnen. Dann Vögel, die ihm die Wachen brachten. Der Mann, der Zehntausende auf echte Pfähle hatte treiben lassen, konnte einfach nicht aufhören — nicht einmal, als sein ganzes Reich auf ein paar unterirdische Räume geschrumpft war. Die Katze lässt das Mausen nicht — und Vlads Mausen war das Töten.

Stell dir das mal vor. Zwölf Jahre unter der Erde. Draußen prallten Imperien aufeinander. Die Osmanen drangen immer tiefer nach Europa vor. Matthias führte Kriege, schloss Verträge, baute einen der glanzvollsten Renaissancehöfe Europas — direkt über Vlads Kopf. Und der Pfähler saß da unten im Halbdunkel und schnitzte seine Stöckchen. Wartete darauf, dass die Welt wieder ein Monster brauchte.

Am Ende spielte Vlad das lange Spiel. Er konvertierte vom orthodoxen Christentum zum Katholizismus — der Preis der Freiheit im Ungarn des 15. Jahrhunderts. Er heiratete eine Adlige aus dem Umfeld der Königsfamilie. 1476 ließ Matthias ihn endlich frei und unterstützte seine Rückkehr auf den walachischen Thron. Vlad bekam ihn zurück. Er hielt ihn ungefähr zwei Monate. Dann fiel er im Kampf. Der Sohn des Drachen starb, wie er gelebt hatte — gewaltsam.

Diese Räume gibt es immer noch, tief unter der Burg von Buda. Stadtführer zeigen beiläufig darauf und erwähnen "einen walachischen Fürsten", der hier einmal gewohnt habe — mehr sagen sie nicht. Aber wenn man die ganze Geschichte kennt, wenn man weiß, was Vlad in diesen Räumen mit seinen Stöckchen und seiner Sammlung toter Tiere gemacht hat, fühlen sich die Tunnel anders an. Dunkler. Als hätte etwas dort unten nie wirklich aufgehört zu existieren.

Moral der Geschichte

Selbst die schrecklichsten Menschen kann man einsperren — aber ihre Natur ändert sich hinter Gittern nicht.

Figuren

V
Vlad III. Dracula
K
König Matthias Corvinus
B
Burgwachen

Quelle

Diplomatische Korrespondenz; Päpstliche Aufzeichnungen; Hofdokumente von Matthias Corvinus