Am Morgen des 23. Mai 1618 stürmt eine Gruppe protestantischer Adliger in die Prager Burg. Ihr Plan steht fest: Heute fliegt jemand aus dem Fenster. Die Habsburger, die mächtigste Dynastie Europas, treten ihre Religionsfreiheit seit Jahren mit Füßen. Der Majestätsbrief, der ihnen freie Glaubensausübung garantiert, ist nur noch Altpapier. Bittschriften haben nichts gebracht. Diplomatie auch nicht. Also greifen die Adligen auf eine alte böhmische Tradition zurück: Wenn Politik versagt, bleiben immer noch die Fenster.
Es ist nicht einmal das erste Mal. Zweihundert Jahre zuvor, 1419, hatten die Anhänger des Reformators Jan Hus katholische Amtsträger aus einem Rathausfenster geworfen — der Beginn von fünfzehn Jahren Religionskrieg. Jetzt wiederholt sich die Geschichte. Die Adligen finden die kaiserlichen Statthalter Slavata und Martinic in den königlichen Amtsräumen, dazu ihren Sekretär Fabricius. Es wird geschrien, Tyrannei vorgeworfen. Dann packen Hände die Statthalter und zerren sie zum Fenster.
Slavata wehrt sich verzweifelt. Er klammert sich am Fensterrahmen fest und schreit nach der Jungfrau Maria. Martinic verstummt — vielleicht vor Schock erstarrt. Der Sekretär versucht sich zu verstecken. Einer nach dem anderen werden alle drei gepackt und aus dem Fenster gestoßen. Zwanzig Meter tief in den Burggraben hinab.
Und jetzt kommt der Teil, der erfunden klingt: Alle drei überleben. Die Katholiken schwören, die Jungfrau Maria habe Engel geschickt, um sie aufzufangen. Die Protestanten verweisen auf etwas weniger Himmlisches: einen gewaltigen Misthaufen, der sich im trockenen Graben angesammelt hat. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, sagt man. In Prag ging er zum Fenster — und als er brach, zerbrach gleich ein ganzer Kontinent mit.
Dieser Gewaltakt löst eine Kettenreaktion aus, die niemand vorhersehen konnte. Böhmen erhebt sich. Die Kämpfe breiten sich über das Heilige Römische Reich aus — ein Flickenteppich aus Hunderten Kleinstaaten im Herzen Europas. Was als Religionsstreit begann, wird zum Dreißigjährigen Krieg, dem verheerendsten Konflikt, den Europa je erlebt hat. Ganze Städte werden dem Erdboden gleichgemacht. Manche Regionen verlieren die Hälfte ihrer Bevölkerung. 1648 sind rund acht Millionen Menschen tot.
Prag zahlt den höchsten Preis. Nur zwei Jahre nach dem Fenstersturz werden die böhmischen Truppen in der Schlacht am Weißen Berg vor den Toren der Stadt vernichtend geschlagen. Siebenundzwanzig protestantische Anführer werden auf dem Altstädter Ring öffentlich hingerichtet. Die tschechische Sprache wird aus dem Amtsgebrauch verbannt. Böhmen verliert seine Eigenständigkeit — und bekommt sie erst dreihundert Jahre später zurück, als 1918 die Tschechoslowakei entsteht.
All das — ein kontinentaler Krieg, Millionen Tote, eine Nation für drei Jahrhunderte ausgelöscht — weil drei Männer aus einem Fenster flogen. Der Raum, in dem es geschah, existiert noch. Das Fenster auch. Der Graben ist längst sauber. Aber wenn man dort steht und hinunterschaut, spürt man es: Man steht an einem der Orte, an denen die Geschichte einem ins Gesicht flüstert, dass ein einziger Moment der Auflehnung etwas entfesseln kann, das niemand — wirklich niemand — mehr aufhalten kann.
