Skip to main content
Rätsel der Vergangenheit·2/2·3
Photograph of Prague Castle

The place

Prague Castle

Der Kaiser der Alchemisten

Wie Rudolf II. die Prager Burg in das größte Alchemielabor Europas verwandelte

1583-1612 (Rudolf II's Prague court)Prague Castle

Die meisten Kaiser wollten größere Armeen. Rudolf II. wollte Gold herstellen. 1583 tat er etwas, womit niemand gerechnet hatte: Er verlegte die Hauptstadt des Heiligen Römischen Reiches von Wien nach Prag. Nicht aus militärischem Kalkül. Nicht aus politischer Strategie. Er wollte das größte Labor bauen, das Europa je gesehen hatte — mitten in der Prager Burg.

Rudolf war brillant, vermutlich labil und völlig besessen von der Alchemie — dem uralten Glauben, dass sich billige Metalle in Gold verwandeln ließen, wenn man nur die richtige Formel fand. Er jagte zwei Phantomen hinterher: dem Stein der Weisen, einer sagenumwobenen Substanz, die diese Verwandlung möglich machen sollte, und dem Elixier des Lebens, das ewige Jugend versprach. Er gab unfassbare Summen aus, um jeden Alchemisten, Astronomen und Mystiker Europas an seinen Hof zu holen.

Der Erste mit großem Namen war Edward Kelley — ein Engländer mit dubioser Vergangenheit und einer kühnen Behauptung: Er besitze ein geheimnisvolles rotes Pulver, das Quecksilber in Gold verwandeln könne. Rudolf gab ihm einen Turm und unbegrenzte Mittel. Kelley inszenierte eine Vorführung vor dem Hof — und irgendwie funktionierte es. Doch als er den Trick nicht wiederholen konnte, ließ Rudolf ihn einsperren. Kelley starb bei einem Fluchtversuch: Er stürzte aus einem Turmfenster.

Nicht alle am Hof waren Scharlatane. John Dee, einer der schärfsten Köpfe Englands, kam mit Kelley, um über Mathematik, Optik und Kommunikation mit Engeln zu sprechen. Tycho Brahe, dänischer Astronom, der bei einem Duell einen Teil der Nase verloren hatte und eine Metallprothese trug, wurde Kaiserlicher Mathematiker. Seine Sternkarten halfen später seinem Assistenten Kepler, die wahre Bewegung der Planeten zu entschlüsseln — einer der größten Durchbrüche der Wissenschaft.

Die Burg zog auch Hunderte weniger bekannter Gestalten an. Das Goldene Gässchen — eine Reihe winziger, bunter Häuschen direkt unter den Burgmauern — war voller Alchemisten, die rund um die Uhr arbeiteten. Öfen glühten bis in die Morgenstunden. Seltsame Mixturen blubberten in Tongefäßen. Die Luft stank nach Schwefel und Quecksilber. Explosionen waren keine Seltenheit. Es war halb Forschungsstätte, halb Spielplatz eines verrückten Wissenschaftlers.

Rudolf legte außerdem eine der atemberaubendsten Privatsammlungen Europas an. Gemälde von Meistern wie Dürer und Bruegel. Wunderkammern — Vorläufer unserer Museen — vollgestopft mit angeblichen Einhornhörnern, Steinen, die gegen Gift wirken sollten, und seltenen Pflanzen aus fernen Ländern. Präzisionsinstrumente für die Astronomie. Die Prager Burg wurde zu einem Ort, an dem Kunst, Wissenschaft, Magie und Besessenheit unter einem Dach lebten.

Doch die Besessenheit fraß ihn auf. Rudolf wurde zunehmend paranoid, überzeugt, dass sich seine Feinde zusammenrotteten. Sein eigener Bruder Matthias zwang ihn zur Abdankung. Aller guten Dinge sind drei, sagt man — doch Rudolf versuchte es hundertfach, und das Gute kam nie. Er starb 1612, allein in der Burg, die er in ein Wunderland verwandelt hatte. Umgeben von seinen Sammlungen. Verlassen von allen.

Den Stein der Weisen fand er nie. Niemand hat ihn je gefunden. Doch seine Besessenheit schenkte Prag etwas Bleibendes: den Ruf, die Stadt zu sein, in der Genie und Wahnsinn sich schon immer wunderbar nahestanden.

Moral der Geschichte

Das Streben nach dem Unmöglichen kann eine ganze Stadt verwandeln — selbst wenn das Gesuchte für immer unerreichbar bleibt.

Figuren

E
Emperor Rudolf II
E
Edward Kelley
J
John Dee
T
Tycho Brahe
J
Johannes Kepler

Quelle

Imperial court records; R.J.W. Evans "Rudolf II and His World"; alchemical manuscripts