Skip to main content
Kronen & Eroberungen·5/5·3
Photograph of Sigiriya

The place

Sigiriya

Der Vatermörderkönig

Ein Prinz ermordet seinen Vater, baut einen Palast auf einem unmöglichen Felsen und entdeckt, dass keine Festung einen Menschen vor der Sünde schützen kann, die bereits in ihm lebt

473-495 CESigiriya

Im Jahr 473 tötete ein Prinz namens Kashyapa seinen eigenen Vater. Und versuchte danach, der Schuld zu entkommen — indem er sich einen Thron im Himmel baute. Sein Vater, König Dhatusena, herrschte über Anuradhapura, die älteste Hauptstadt Sri Lankas. Er war kein gewöhnlicher König: Er hatte den Kala Wewa erschaffen, einen gewaltigen Stausee über Tausende Hektar, der die Reisfelder des ganzen Reiches am Leben hielt. Aber Kashyapas Mutter war eine Frau niederer Kaste. Der Thron war seinem jüngeren Halbbruder Moggallana versprochen, dem Sohn der Königin.

Der Groll fand einen Verbündeten. Migara, der Neffe des Königs und Befehlshaber der Armee, wollte Rache — Dhatusena hatte seine Mutter hinrichten lassen. Zusammen wandten sie das Heer gegen den König. Dhatusena wurde in Ketten gelegt. Und dann kam der Moment, den die Chroniken nie vergessen haben. Kashyapa schleifte seinen Vater ans Ufer des Kala Wewa und verlangte zu wissen, wo der Schatz versteckt war. Der alte König kniete sich ans Wasser, schöpfte etwas davon mit seinen gefesselten Händen und sagte: «Das ist der ganze Reichtum, den ich besitze.»

Es war die letzte Geste der Würde eines Königs, der begriffen hatte, dass sein wahres Vermächtnis das Wasser war, das er seinem Volk gegeben hatte — nicht Gold. Kashyapa war das egal. Migara holte sich seine Rache. Sie zogen den alten König nackt aus, legten ihn in Ketten und mauerten ihn bei lebendigem Leib in eine Ziegelwand ein. Dhatusena — der Mann, der Stauseen gebaut hatte, um Leben zu spenden — starb langsam, im Dunkeln, eingeschlossen in genau der Art von Mauer, die sein eigenes Genie sein Volk zu bauen gelehrt hatte.

Im Buddhismus ist der Mord am eigenen Vater das Schlimmste, was ein Mensch tun kann. Eine Sünde so schwer, dass kein Gebet und keine gute Tat sie ungeschehen machen kann. Die Mönche von Anuradhapura weigerten sich, Kashyapa als König anzuerkennen. Das Volk nannte ihn «Kashyapa den Vatermörder». Sein Halbbruder Moggallana floh über das Meer nach Südindien, wo er begann, ein Heer aufzustellen, um den Thron zurückzuerobern. Kashyapa trug die Krone, aber die Krone trug keine Ehre mehr.

Dann tat er etwas, was kein König je zuvor getan hatte. Er verließ die heilige Hauptstadt vollständig und verlegte sein Reich an einen Ort, der kaum real wirkte: ein Granitfelsen, der sich hundertachtzig Meter senkrecht aus dem flachen Dschungel erhebt, mit einem Gipfel etwa so groß wie zwei Fußballfelder. Buddhistische Mönche hatten seit Jahrhunderten in seinen Höhlen meditiert, aber niemand hatte je versucht, dort oben zu leben. Kashyapa sah diesen Felsen und erkannte einen Thron, den kein Heer erreichen und kein Mönch richten konnte.

Was er in achtzehn Jahren dort baute, verschlägt einem den Atem. Am Fuß: Wassergärten, so präzise angelegt, dass ihre Fontänen fünfzehnhundert Jahre später immer noch funktionieren. Am Aufstieg: Fresken himmlischer Frauen, direkt in die Felswand gemalt, eine Mauer, poliert wie ein Spiegel. Und ganz oben der Eingang: das aufgerissene Maul eines steinernen Löwen, zwanzig Meter hoch. Besucher gingen durch seinen Rachen, um den Gipfel zu erreichen. Dort oben: ein ganzer Palast mit einem Becken so groß wie ein olympisches Schwimmbecken — direkt aus dem Fels gehauen.

Kashyapa erklärte sich zum Gottkönig. Er ließ Goldmünzen prägen, eröffnete Häfen und stiftete ein Kloster für die Mönche, die ihn abgelehnt hatten. Jede gemalte Göttin, jede Fontäne schrie: Ich bin es wert. Ich verdiene das. Aber die Chronisten verstanden, was Kashyapa nie begreifen konnte: Er hatte kein Paradies gebaut — er hatte das schönste Gefängnis der Welt gebaut. Man sagt, Gottes Mühlen mahlen langsam. Kashyapas Karma mahlte schneller. Keine Festung, so hoch sie auch sein mag, schützt einen Menschen vor dem, was schon in ihm lebt.

Moral der Geschichte

Ein Thron, der mit dem Blut des eigenen Vaters erkauft wurde, ist kein Thron — er ist ein Gefängnis im Himmel. Und keine Festung, so hoch sie auch sein mag, kann einen Menschen vor dem Urteil schützen, das bereits in ihm lebt.

Figuren

K
König Kashyapa I. (der Vatermörderkönig)
K
König Dhatusena (sein Vater)
P
Prinz Moggallana (sein Halbbruder, rechtmäßiger Thronfolger)
M
Migara (Dhatusenas Neffe, Heerführer und Verschwörer)

Quelle

Culavamsa (chapters 38-39); Geiger, Wilhelm, trans. Culavamsa: Being the More Recent Part of the Mahavamsa, 1929; Bandaranayake, Senake. Sigiriya: City, Palace and Royal Gardens, 2005; De Silva, K.M. A History of Sri Lanka, 1981; UNESCO World Heritage Nomination File 202