Im fünften Jahrhundert ließ ein sri-lankischer König namens Kashyapa eine Wand auf Sigiriya spiegelglatt polieren — einer Felsenfestung, die aus dem Dschungel ragt. Die Wand verlief direkt unterhalb der Wolkenmädchen, jener in Gold gemalten Frauen, die zwischen Wolken schweben. Die Rezeptur war abenteuerlich: Kalk, Eiweiß, wilder Honig, geglättet mit Bienenwachs. Wer daran entlangging, sah die gemalten Frauen neben sich — oben die echten, unten ihr Spiegelbild. Gebaut für das Vergnügen eines Königs. Was daraus wurde, gehörte allen.

The place
Sigiriya
Die Dichter der Spiegelwand
Achthundert Jahre lang stiegen Besucher auf einen Felsen in Sri Lanka, blickten zu gemalten Frauen empor und ritzten Liebesgedichte in eine polierte Wand — so entstand die älteste singhalesische Gedichtsammlung der Welt
Moral der Geschichte
“Wir glauben, Spuren zu hinterlassen sei etwas Modernes — Kommentare, Posts, Graffiti-Tags. Aber die Spiegelwand beweist das Gegenteil. Vor anderthalb Jahrtausenden sahen Menschen etwas Schönes und spürten genau das, was wir heute spüren: den Drang, etwas zu sagen, es aufzuschreiben, es dauerhaft zu machen. Das menschliche Herz hat sich nicht verändert. Wir fallen immer noch auf Bilder herein, schreiben immer noch Worte, die vielleicht niemand lesen wird, und glauben immer noch, dass Gefühle, einmal niedergeschrieben, irgendwie für immer halten.”
Figuren
Quelle
Paranavitana, Senarath. Sigiri Graffiti: Being Sinhalese Verses of the Eighth, Ninth, and Tenth Centuries, 2 vols., Oxford University Press, 1956; Bandaranayake, Senake. Sigiriya: City, Palace and Royal Gardens, 2005; MAP Academy, 'Desires, Reactions, Interpretations: Murals and Inscriptions from Sigiriya'; Bell, H.C.P. Archaeological Survey of Ceylon, Annual Reports 1896-1904