Es gibt ein Gedicht, das sich seit über achthundert Jahren hält. Man schreibt es Rumi zu — dem persischen Dichter und Mystiker aus dem 13. Jahrhundert — und es beginnt mit einer Einladung von entwaffnender Einfachheit: «Komm, komm, wer immer du bist. Wanderer, Betender, Liebhaber des Aufbruchs. Es spielt keine Rolle. Unsere Karawane ist keine der Verzweiflung. Komm, selbst wenn du dein Gelübde tausendmal gebrochen hast. Komm, noch einmal, komm.»
Im Deutschen sagt man «Irren ist menschlich.» Aber dieses Gedicht geht einen entscheidenden Schritt weiter. Es sagt: Irren ist menschlich — und Willkommenheißen ist göttlich. Hier wird niemand für seine Fehler verurteilt. Die Tür steht offen, und zwar immer.
Genau das war Rumis Philosophie. Im 13. Jahrhundert, als die Welt Menschen gerne in Gläubige und Ungläubige einteilte, öffneten die Häuser der Mevlevi-Derwische — die berühmten «Drehenden Derwische» — ihre Türen für alle. Glaube, gesellschaftlicher Rang, Vergangenheit — nichts davon spielte eine Rolle.
Das Gedicht spricht drei Menschentypen an: den Wanderer, der sucht, ohne genau zu wissen, was; den Betenden, der seinen Weg gefunden hat; und den «Liebhaber des Aufbruchs» — den, der anfängt und wieder aufgibt. Allen sagt es dasselbe: Komm. Deine Unvollkommenheit schließt dich nicht aus. Im Gegenteil.
Der stärkste Satz ist «selbst wenn du dein Gelübde tausendmal gebrochen hast.» Das ist der Kern. In der islamischen Tradition gibt es das Konzept der Tawba — der Umkehr zu Gott. Und das Bemerkenswerte daran: Es gibt keine Obergrenze. Man kann tausendmal fallen und sich tausendundeinmal aufrichten.
Ein faszinierendes Detail: Die Forschung ist sich nicht sicher, ob Rumi dieses Gedicht überhaupt verfasst hat. Manche schreiben es Baba Afzaluddin Kashani zu, einem Dichter, der nur ein Jahr nach Rumi starb. Andere sehen eine Verbindung zu Abu Sa'id ibn Abi'l-Khayr, einem Mystiker, der zwei Jahrhunderte früher lebte.
Den Mevlevi-Derwischen in Konya — den geistigen Erben Rumis in der heutigen Türkei — war das nie besonders wichtig. Sie rezitieren diese Verse, als wären sie vom Meister selbst. Und in gewisser Hinsicht haben sie recht: Die Botschaft passt nahtlos zu allem, was Rumi lehrte. Verwandlung ist immer möglich. Niemand ist vom Weg der Liebe ausgeschlossen.
