Am 17. Dezember 1273 geschah in Konya — einer Stadt im mittelalterlichen Anatolien, der heutigen Türkei — etwas, das es so noch nie gegeben hatte. Rumi, der berühmteste Dichter und Mystiker der islamischen Welt, war gestorben. Und die Straßen füllten sich mit Trauernden. Aber nicht nur mit Muslimen. Christen, Juden und Zoroastrier — Anhänger der alten persischen Religion — kamen, um gemeinsam zu trauern. Niemand hatte sie eingeladen. Sie kamen einfach.
Mitten im Trauerzug sprach ein christlicher Priester einen muslimischen Gelehrten an: „Warum seid Ihr hier? Er war ein muslimischer Heiliger.“ Die Antwort war schlicht: „Wir sind gekommen, um einen Mann zu ehren, der uns gezeigt hat, dass alle Wege zur selben Wahrheit führen.“ Ein Jude, dem dieselbe Frage gestellt wurde, antwortete ohne zu zögern: „Er hat uns gelehrt, dass die Liebe über jeder Religion steht. Er war auch unser Lehrer.“
Als man die Nicht-Muslime noch direkter fragte — aber warum seid ihr wirklich hier? —, war die Antwort überwältigend: „Er war auch unsere Sonne. Wir haben durch ihn mehr über unsere eigenen Schriften gelernt als durch unsere eigenen Lehrer. Wir haben in ihm die Zeichen eines Propheten und eines Heiligen erkannt.“ Das war keine Höflichkeit. Das war tiefste Überzeugung.
Der Trauerzug selbst war ein Bild, das jeder Logik der Zeit widersprach. Vorne gingen die Fahnenträger, begleitet von Koranrezitationen, mit tragbaren Weihrauchgefäßen und Rumis Leichnam in einem weißen Leichentuch auf einer geschmückten Bahre. Doch direkt dahinter folgten christliche Kreuze. Man hörte jüdische Gebete. Man sah zoroastrische Symbole. Jede Gruppe betete auf ihre Weise — und doch beteten alle für dasselbe.
Man sagt: Aller guten Dinge sind drei. An jenem Tag in Konya waren es vier. Vier Religionen, vier heilige Sprachen, vier Wege, das Göttliche zu verstehen — vereint vor einem einzigen Sarg. Denn die Liebe, die sie für diesen Mann empfanden, war stärker als alle Grenzen, die ihre eigenen Traditionen zwischen ihnen errichtet hatten.
Rumis eigene Philosophie fasst diesen Tag besser zusammen als jede Chronik: „Ich habe mit denselben Augen auf den Muslim, den Juden und den Christen geblickt.“ Das war nicht bloß ein schöner Satz. Es war eine Haltung, die er so intensiv lebte, dass Tausende Menschen aus vier verschiedenen Religionen überzeugt waren: Dieser Mann versteht uns besser als unsere eigenen geistlichen Führer.
Dieses Begräbnis war kein religiöses Wunder. Es war etwas noch Selteneres: ein menschliches Wunder. Mitten im Mittelalter, in einer Zeit der Kreuzzüge und Glaubenskriege, gelang einem sufischen Dichter, was kein Friedensvertrag geschafft hatte. Er einte die Religionen nicht mit Argumenten. Er einte sie mit etwas viel Einfacherem und viel Schwererem: bedingungsloser Liebe. Und an diesem einen Tag, in dieser einen Stadt, hörten die Grenzen zwischen den Religionen einfach auf zu existieren.
