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Liebe & Herzschmerz·3/3·2
Photograph of Mevlana Museum (Green Dome)

The place

Mevlana Museum (Green Dome)

Die Klage der Flöte

Das Gedicht, das der Sehnsucht eine Stimme gab

Seljuk Period (c. 1258 AD)Mevlana Museum (Green Dome)

Konya, Türkei, das Jahr 1258. Ein Dichter, dem der Schmerz das Herz zerrissen hat, greift zur Feder und schreibt die ersten Zeilen dessen, was das bedeutendste Gedicht der persischen Sprache werden soll. Sein Name: Rumi. Und er beginnt nicht mit Weisheit, nicht mit Philosophie. Er beginnt mit einem Klang — dem Klagen einer Rohrflöte.

„Hör dem Rohr zu, wie es klagt“, schrieb Rumi. Die Flöte — im Persischen Ney genannt — wird aus einem Schilfrohr geschnitzt, das vom Ufer eines Flusses gerissen wurde. Einmal abgeschnitten, findet es nie wieder zurück. Und jeder Ton, den es von sich gibt, jeder wehmütige Laut, ist ein Schrei der Sehnsucht. Das Ney macht keine Musik. Es trauert. Es beweint die Erde, aus der es gerissen wurde.

Die Metapher ist von brutaler Einfachheit. Das Rohr ist die menschliche Seele. Das Flussufer ist das Göttliche — Gott, der Ursprung, der Ort, von dem wir kommen, bevor wir geboren werden. Jedes Mal, wenn dich eine Unruhe packt, die du dir nicht erklären kannst, jedes Mal, wenn eine grundlose Traurigkeit über dich hereinbricht — das ist das Rohr in dir. Deine Seele, die sich an eine Heimat erinnert, aus der sie vertrieben wurde.

Rumi hat sich das nicht am Schreibtisch ausgedacht. Vor dem Masnavi hatte er den Verlust erlebt, der sein Leben in zwei Hälften spaltete. Ein wandernder Mystiker namens Schams-e Tabrizi war in seine Welt eingebrochen und hatte alles auf den Kopf gestellt. Schams war kein gewöhnlicher Lehrer — er forderte Rumi heraus, provozierte ihn, riss ihm alles weg, was er über Gott und Liebe zu wissen glaubte. Dann verschwand er. Vielleicht ermordet. Rumi hat ihn nie wiedergesehen.

Dieser Schmerz hat Rumi aufgebrochen. Er verwandelte sich vom angesehenen Religionsgelehrten in einen der größten Dichter der Menschheitsgeschichte. Der Verlust von Schams wurde zum Motor seines gesamten Werks. Als er das Masnavi verfasste — ein sechsbändiges Epos, so verehrt, dass die Sufis es „den Koran auf Persisch“ nennen —, eröffnete er es mit der Rohrflöte. Die Deutschen haben ein Wort für das, was Rumi beschrieb: Sehnsucht. Aber Rumi brauchte kein Wort. Ihm genügte eine Flöte.

Dieses Gedicht brachte eine ganze spirituelle Tradition hervor. Rumis Anhänger gründeten den Mevlevi-Orden — die Derwische, die sich in ihren weißen Gewändern im Kreis drehen, bis alles andere verschwindet. In ihren Zeremonien erklingt immer zuerst das Ney. Die ersten Töne sind absichtlich rau und klagend, wie der Urschrei des Rohrs. Dann beginnen die Derwische zu wirbeln, eine Handfläche zum Himmel, die andere zur Erde. Sie tanzen nicht. Sie beten mit dem Körper.

Heute, fast acht Jahrhunderte später, ist Rumi der meistverkaufte Dichter in den USA. Seine Verse landen auf Kaffeetassen, Tattoos und Instagram-Posts. Aber dieses Anfangsbild — die Rohrflöte, die weint, weil sie weiß, woher sie kommt — bleibt das, was am tiefsten trifft. Es spielt keine Rolle, woran du glaubst. Jeder hat diesen Stich schon gespürt, dieses Ziehen zu etwas, das man nicht benennen kann.

Rumis Genie lag darin, all das in ein paar Zeilen über ein hohles Stück Holz zu fassen. Wir alle tragen Heimweh nach einem Ort, an den wir uns nicht ganz erinnern — und die Rohrflöte ist der Klang dieses Heimwehs, dem endlich eine Stimme gegeben wurde.

Moral der Geschichte

Jede menschliche Sehnsucht ist die Erinnerung der Seele an ihren göttlichen Ursprung — unsere tiefste Trauer ist Heimweh nach einem Zuhause, das wir vergessen haben.

Figuren

M
Mevlana Dschalaluddin Rumi
S
Schams-e Tabrizi
D
Die Rohrflöte (Ney)
M
Mevlevi-Derwische

Quelle

Rumi, Masnavi-ye-Ma’navi, Book I; Franklin Lewis, Rumi: Past and Present, East and West