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Schelme & Volksmärchen·1/3·3
Photograph of Venice — St. Mark's Basilica & Doge's Palace

The place

Venice — St. Mark's Basilica & Doge's Palace

Casanovas unmögliche Flucht aus den Bleikammern

Europas berühmtester Liebhaber bricht aus Venedigs sicherstem Gefängnis aus

18th century (1755-1756)Venice — St. Mark's Basilica & Doge's Palace

In der Nacht des 31. Oktober 1756 gelang Giacomo Casanova etwas, das in der gesamten Geschichte Venedigs noch nie jemand geschafft hatte: die Flucht aus den Bleikammern. So nannte man die Gefängniszellen im Dachgeschoss des Dogenpalastes, direkt unter den Bleiplatten des Daches. Seine Flucht gilt bis heute als einer der spektakulärsten Ausbrüche aller Zeiten — und sein eigener Bericht darüber ist ein Meisterwerk der Abenteuerliteratur.

Casanova war im Juli 1755 auf Befehl der Staatsinquisitoren verhaftet worden. Die Vorwürfe: Spionage, okkulte Praktiken und ein ausschweifender Lebenswandel. Man sperrte ihn in die Bleikammern — ein Ort, der darauf ausgelegt war, den Willen zu brechen. Im Sommer verwandelten die Bleiplatten die Zellen in Backöfen. Im Winter wurde dasselbe Metall zum Eisschrank. Wenig Essen, keine Bewegung, keine Hoffnung. Noch nie war jemand von dort entkommen.

Fünfzehn Monate lang schmiedete Casanova seinen Plan. Bei einem seiner seltenen Spaziergänge durch den Dachboden des Palastes fand er einen Eisenbolzen im Boden. Woche für Woche lockerte er ihn, bis er ihn herausziehen konnte. Mit diesem Bolzen als Meißel bohrte er monatelang ein Loch durch den Holzboden seiner Zelle. Die Späne versteckte er unter dem Bett und mischte sie unter seine Essensreste.

Dann schlug das Schicksal zu. Kurz bevor sein Tunnel fertig war, verlegten ihn die Wärter in eine andere Zelle. Man sagt: Not macht erfinderisch. Casanova bewies, dass Verzweiflung einen zum Genie macht. Er gewann einen Mithäftling für seinen Plan: Pater Marino Balbi, einen in Ungnade gefallenen Priester in der Zelle über ihm.

Sein neuer Plan war von atemberaubender Kühnheit. Casanova versteckte den Eisenbolzen im Buchrücken einer großen Bibel und schickte sie Balbi. Sein Kalkül war einfach und brillant: Kein Wärter würde es wagen, ein heiliges Buch zu durchsuchen. Er behielt recht. Balbi benutzte den Bolzen, um die Decke seiner Zelle aufzubrechen und aufs Bleidach zu gelangen.

In der Nacht des 31. Oktober kletterten beide durch das Loch und standen auf dem Dach des Dogenpalastes, hoch über dem Markusplatz. Was folgte, war ein Albtraum aus Dunkelheit und Schwindelgefühl: Sie krochen über die steilen Bleiplatten, bei jedem Schritt einen Absturz riskierend. Mit einem Seil aus Bettlaken ließ sich Casanova durch ein Dachfenster ins Innere des Palastes hinab und brach Tür um Tür mit seinem Eisenbolzen auf.

Im Morgengrauen des 1. November, Allerheiligen, spazierte Giacomo Casanova durch den Haupteingang des Dogenpalastes — in feiner Kleidung, die dreckigen Gefängnislumpen unter einem eleganten Umhang verborgen. Die Wachen sahen einen gut gekleideten Herrn zur Stunde hinausgehen, als die Beamten zum Dienst erschienen, und ließen ihn ohne ein Wort passieren. Er bestieg eine Gondel, überquerte die Lagune und verließ Venedig für immer.

Später schrieb er, dass er sich in der Gondel umdrehte und zurück auf jenes Bleidach blickte, über das er blind durch die Dunkelheit gekrochen war. Und er lachte. Das reine, befreite Lachen eines Mannes, der das Unmögliche geschafft hatte.

Moral der Geschichte

Freiheit gehört denen, die das Unmögliche nicht akzeptieren — und wahres Genie findet seine Werkzeuge dort, wo niemand sonst hinschaut.

Figuren

G
Giacomo Casanova
F
Father Marino Balbi
S
State Inquisitors of Venice

Quelle

Casanova, Giacomo. Histoire de ma fuite des prisons de la République de Venise, 1788; Masters, John. Casanova, 1969