Die Abencerragen waren die mächtigste Familie im letzten muslimischen Königreich Europas. Im Granada des fünfzehnten Jahrhunderts — während der Rest Spaniens bereits an die christlichen Heere gefallen war — zog dieser Clan nordafrikanischer Adliger im Hintergrund sämtliche Fäden der Macht. Sie bestimmten, wer Sultan wurde und wer verschwand. Königsmacher im wahrsten Sinne des Wortes. Und jemand wollte sie alle tot sehen.
Ihre Rivalen, die Zegríes, erfanden eine Lüge von bestechender Einfachheit. Sie erzählten dem Sultan, ein Abencerragen-Ritter schlafe heimlich mit der Sultanin. Ob es stimmte, spielte keine Rolle. An einem Hof, wo Ehre alles war, kam die bloße Anschuldigung einem Todesurteil gleich. Der Sultan — zerfressen von Eifersucht und der Angst, seine mächtigsten Adligen hätten ihn auf die denkbar demütigendste Weise bloßgestellt — beschloss, die gesamte Familie in einer einzigen Nacht auszulöschen.
Er lud sechsunddreißig ihrer besten Ritter zu einem Festmahl in die Alhambra. Sie kamen in ihren prächtigsten Gewändern, denn in Granada war eine Einladung des Sultans die höchste Ehre, die eine Adelsfamilie empfangen konnte. Sie durchquerten den Löwenhof, gingen an zwölf steinernen Löwen vorbei, die einen Marmorbrunnen tragen, schritten über Wasserkanäle, die die vier Flüsse des Paradieses widerspiegeln sollten. Sie ahnten nicht, dass sie ihrem eigenen Tod entgegengingen.
Einer nach dem anderen wurden sie in einen Saal geführt und über einem Marmorbecken in der Mitte des Raumes enthauptet. Das Wasser trug das Blut davon, damit jeder neue Gast nichts sehen, nichts ahnen würde — bis die Klinge seinen Hals fand. Einer nach dem anderen betrat die edelste Familie Granadas den schönsten Raum des Palastes und kam nie wieder heraus. Dieser Saal trägt noch heute ihren Namen: der Saal der Abencerragen.
Über der Stelle, wo sie starben, erhebt sich ein Meisterwerk islamischer Kunst: fünftausend Wabenzellen aus Muqarnas in einem achtzackigen Stern, Licht aus sechzehn Fenstern lässt die Decke lebendig wirken. Geschaffen, um den Himmel darzustellen. Darunter im Becken sitzt ein rötlicher Fleck, der nie verschwand. Wissenschaftler sagen, Eisenoxid. Aber seit fünfhundert Jahren hören Besucher dieselbe Geschichte: das Blut der sechsunddreißig, so tief eingedrungen, dass kein Wasser es je abwäscht.
Man sagt, Gottes Mühlen mahlen langsam — aber sie mahlen. Der Sultan hatte die einzige Familie vernichtet, die sein Königreich zusammenhielt. Ohne die Abencerragen zerriss sich Granada in Bürgerkriegen — genau die Schwäche, die Ferdinand und Isabella brauchten, um die letzte Bastion des Islam in Spanien zu schleifen. Eine Ballade fasste es zusammen: «Du hast die Abencerragen getötet, die die Blüte Granadas waren.» In einer Generation war das Königreich für immer verschwunden.
Heute betreten jedes Jahr Millionen von Menschen diesen Saal. Sie blicken hinauf zur Decke — dem kunstvollsten Werk, das je von Menschenhand geschnitzt wurde. Sie blicken hinab auf den Fleck im Brunnen. Und sie spüren, was die Alhambra von jedem anderen Palast der Welt unterscheidet. Schönheit oben. Blut unten. Der höchste Ausdruck einer Zivilisation, schwebend genau über dem Punkt, an dem dieselbe Zivilisation sich selbst zerstörte.
