Im März 1959 hielt ein dreiundzwanzigjähriger Mönch das Schicksal einer ganzen Religion in seinen Händen. Sein Name: Tenzin Gyatso — der vierzehnte Dalai Lama — und die chinesische Armee hatte gerade seine Stadt Lhasa eingekreist, die Hauptstadt Tibets. Ihre Forderung: Er solle allein in ein Militärlager kommen, zu einer angeblichen „Kulturveranstaltung“. Niemand in Tibet glaubte auch nur ein Wort davon.
Dreißigtausend Tibeter versuchten, ihn zu retten. Sie strömten zum Norbulingka, seinem Sommerpalast, und bildeten eine menschliche Mauer um ihn herum — Bauern, Mönche, Mütter mit ihren Kindern auf dem Arm. Schulter an Schulter stellten sie sich der chinesischen Armee entgegen. Es war die Art von Mut, die einem das Herz zerreißt, weil jeder Einzelne dort wusste, wie das enden würde.
Also verschwand in der Nacht des 17. März die bekannteste Person Tibets. Er legte seine Mönchsroben und seine Brille ab, warf sich ein Gewehr über die Schulter und ging als einfacher Soldat verkleidet hinaus. Er überquerte den Fluss Kyichu im Dunkeln und lief direkt an der Menge vorbei, die gekommen war, um ihn zu beschützen. Kein einziger Mensch erkannte seinen geistlichen Führer. Man sagt: „Der Mensch denkt, Gott lenkt.“ Aber in jener Nacht musste ein lebender Gott selbst fliehen — und einfache Menschen wiesen ihm den Weg.
Was folgte, waren zwei Wochen Hölle durch den Himalaja. Gebirgspässe auf über fünftausend Metern — höher als alles in Europa — in blendenden Schneestürmen und einer Kälte, die bis auf die Knochen ging. Chinesische Militärflugzeuge durchkämmten den Himmel auf der Suche nach ihm. Der Dalai Lama war krank, erschöpft, aß kaum noch etwas. Fünfzehn Tage lang schleppte er sich über das Dach der Welt, ohne je zu wissen, ob das nächste Tal die Freiheit brachte oder ein Erschießungskommando.
Am 31. März überquerte er die Grenze nach Indien. Premierminister Nehru gewährte ihm Asyl, und der Dalai Lama gründete eine tibetische Exilregierung in Dharamsala, einer ruhigen Kleinstadt in den Bergen Nordindiens. Diese Regierung arbeitet noch heute — über sechzig Jahre später. In Tibet wurde der Aufstand niedergeschlagen. Zehntausende Tibeter kamen ums Leben, der Potala-Palast wurde zum Museum, und dreihundert Jahre Herrschaft der Dalai Lamas endeten über Nacht.
Er ist nie zurückgekehrt. Heute, mit neunzig Jahren, hat er angedeutet, dass er vielleicht der letzte Dalai Lama sein könnte — oder dass der nächste außerhalb Tibets gefunden werden könnte, vielleicht sogar eine Frau. Eine ununterbrochene Linie geistlicher Führer, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht, könnte mit dem Mann enden, der mit dreiundzwanzig durch ein Palasttor nach draußen ging.
Und trotzdem laufen jeden Tag tibetische Pilger im Uhrzeigersinn um den Potala, drehen ihre Gebetsmühlen und flüstern immer dieselben Worte: „Möge Seine Heiligkeit in diesem Leben zurückkehren.“ Über sechzig Jahre lang dieses Gebet. Über sechzig Jahre lang dieser Glaube. Manchmal ist das Mutigste, was ein Anführer tun kann, zu gehen — nicht um sein Volk im Stich zu lassen, sondern damit sein Glaube alles überlebt, was versucht hat, ihn zu zerstören.
