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Propheten & Pilger·1/3·5
Photograph of Old City of Jerusalem

The place

Old City of Jerusalem

Das Heilige Feuer

Seit siebzehn Jahrhunderten erscheint eine Flamme in Christi Grab am Karsamstag — und niemand konnte je erklären, wie

4th century – present (annual ceremony since at least 385 CE)Old City of Jerusalem

Am Vorabend von Ostern wird jede Flamme in der Grabeskirche gelöscht. Jede Lampe, jede Kerze — aus. Die Kirche versinkt in einer Dunkelheit wie ein versiegeltes Grab. Zehntausend Pilger stehen in dieser Schwärze, jeder mit dreiunddreißig unangezündeten Kerzen in den Händen — eine für jedes Lebensjahr Christi. Sie sind aus Athen und Addis Abeba gekommen, aus Moskau und Tiflis. Sie warten, wie alle Trauernden seit jeher gewartet haben: mit nichts als der Erinnerung an das Licht und dem Glauben, dass es zurückkehrt.

Der Patriarch betritt die Ädikula, den Marmorbau über dem Grab, in dem Christus bestattet wurde und — so der Glaube — auferstand. Man hat ihn vor der Menge durchsucht: kein Streichholz, kein Feuerzeug, kein irdisches Feuer. Die Tür wird versiegelt. Stille. Dann flackert Licht hinter den ovalen Fenstern des Grabes. Der Patriarch tritt heraus mit zwei brennenden Fackeln, und die Kirche bricht los. Feuer springt von Docht zu Docht, von Hand zu Hand, bis zehntausend Flammen die Dunkelheit verschlingen.

Das geschieht seit siebzehn Jahrhunderten. Eine römische Reisende namens Egeria beschrieb es um 385. Davor hatte Helena, Mutter Kaiser Konstantins, die Kreuzigungsstätte unter einem römischen Tempel entdeckt, und Konstantin ließ eine Basilika über dem Grab errichten. Die Kirche wurde zerstört und wieder aufgebaut, zerstört und wieder aufgebaut — von Persern, einem Kalifen, von Erdbeben, von der Zeit. Gottes Mühlen mahlen langsam, sagt man. Aber am Karsamstag, in diesem steinernen Grab, mahlen sie nicht. Sie fangen Feuer.

Im Jahr 1579 erwirkten die Armenier beim osmanischen Sultan das Recht, die Zeremonie zu leiten. Der griechische Patriarch wurde ausgesperrt. Er stand betend an einer Marmorsäule neben dem Eingang. Drinnen warteten die Armenier. Das Feuer kam nicht. Doch draußen — die Säule spaltete sich mit einem Donnerschlag, und eine Flamme brach aus dem Riss hervor, direkt vor dem verbannten Patriarchen. Der Riss ist heute noch da, schwarz versengt, für jeden sichtbar, der eintritt. Der Stein erinnert sich, auch wenn die Menschen vergessen.

Unter den Zeugen war ein osmanischer Offizier namens Tunom. Als er sah, wie Feuer aus Stein brach, bekannte er sich auf der Stelle zu Christus. Man ergriff ihn und verbrannte ihn bei lebendigem Leib, weil er den Islam verlassen hatte — verzehrt von irdischem Feuer, weil er an ein himmlisches glaubte. Die Kirche ehrt ihn bis heute als Märtyrer. Die Osmanen, erschüttert, gaben den Griechen das Recht zurück, die Zeremonie zu führen. Dieses Recht ist seit viereinhalb Jahrhunderten unangefochten.

Die Grabeskirche ist ein Gleichnis über die menschliche Natur. Sechs Konfessionen teilen sie sich nach Regeln, die so genau sind, dass ein verschobener Stuhl eine Schlägerei zwischen Mönchen auslösen kann. Eine Holzleiter lehnt seit 1728 an der Fassade — unangetastet, weil keine Konfession die Befugnis hat, irgendetwas zu verändern. Und der Schlüssel zur Eingangstür? Den hüten zwei muslimische Familien seit 637, weil die Christen einander nicht damit vertrauten. Nur in Jerusalem kann so etwas funktionieren: absurd, schön und immer noch bestehend.

Heute bringen Charterflüge die Flamme von Jerusalem nach Athen, Moskau, Bukarest und Addis Abeba — in wenigen Stunden. Flughafenmitarbeiter empfangen sie mit Jubel. Staatspräsidenten stehen auf dem Rollfeld bereit. Ein Feuer, das am Samstagnachmittag in einem steinernen Grab entzündet wird, erreicht vier Kontinente am Sonntagmorgen. Pilger fahren mit den Händen durch die Flamme und schwören, sie verbrenne nicht. Skeptiker schütteln den Kopf. Aber alle kommen jedes Jahr zurück, um gemeinsam im Dunkeln zu stehen — weil Menschen das seit jeher tun.

Moral der Geschichte

Ob Wunder oder Rätsel — das Heilige Feuer beantwortet etwas Tieferes als die Frage nach dem Beweis. Seit siebzehn Jahrhunderten kehren Menschen zum selben steinernen Grab zurück, weil sie ein uraltes Wissen in sich tragen: Dunkelheit hat nie das letzte Wort. Das Licht kommt zurück — wenn wir bereit sind, lange genug gemeinsam im Dunkeln auszuharren, um es zu empfangen.

Figuren

G
Greek Orthodox Patriarch of Jerusalem
E
Empress Helena (church founder)
T
The Nusseibeh family (Muslim key-keepers since 637 CE)
T
Tunom (Ottoman-era Muslim convert and martyr)
C
Caliph Umar ibn al-Khattab
P
Pilgrims across seventeen centuries

Quelle

Egeria, Itinerarium Egeriae (c. 385 CE); Bernard the Monk, Itinerarium (c. 870 CE); William of Tyre, Historia (12th century); Skarlakidis, Haris, Holy Fire: The Miracle of the Light of the Resurrection at the Tomb of Christ, 2011; Cohen, Raymond, Saving the Holy Sepulchre, 2008; Cust, L.G.A., The Status Quo in the Holy Places, 1929; Greek Orthodox Patriarchate of Jerusalem, church chronicles; Nusseibeh, Sari, Once Upon a Country, 2007