Es war das Jahr 619. Die Muslime nennen es das Jahr der Trauer — und selbst das wird dem nicht gerecht. Muhammad predigte seit Jahren eine Botschaft, die den Mächtigen von Mekka gefährlich wurde. Zwei Menschen hielten ihn am Leben: sein Onkel Abu Talib, der ihn aus reinem Familienstolz beschützte, und seine Frau Chadidscha — die Erste, die ihm glaubte, als er zitternd aus einer Höhle kam und sagte, ein Engel habe zu ihm gesprochen. In diesem Jahr verlor er beide. Keinen Beschützer. Keine Zuflucht. Er versuchte sein Glück in Taif. Man empfing ihn mit Steinen.
Es gibt ein altes Sprichwort: Wenn die Not am größten, ist Gottes Hilfe am nächsten. In dieser Nacht wurde es wörtlich wahr. Gebrochen, blutend, fünfzig Jahre alt, den Staub von Taif noch auf den Sandalen — da erschien der Engel Dschibril mit einem geflügelten Reittier namens Buraq, dessen Schritt den Horizont überspannte. In einem Augenblick durchquerten sie zwölfhundert Kilometer Wüste bis nach Jerusalem, bis zum Tempelberg — dem Hügel, auf dem Abraham das Messer über seinem Sohn erhob und Salomo seinen Tempel baute.
Im Heiligtum erwartete ihn das Unmögliche: Sämtliche Propheten, die Gott je gesandt hatte, standen dort. Dschibril sagte ihm, er solle das Gebet leiten. Der letzte Prophet führte die ersten. Dann stieg Muhammad von dem Felsen auf, auf dem einst das Allerheiligste des jüdischen Tempels gestanden hatte — und durchquerte sieben Himmel. In jedem empfing ihn ein Prophet. Adam im ersten, weinend über verlorene Seelen. Jesus und Johannes der Täufer im zweiten. Josef im dritten, dem „die Hälfte aller Schönheit" gegeben worden war.
Moses wartete im sechsten Himmel, in Tränen, weil Muhammads Gemeinde größer sein würde als seine eigene. Im siebten lehnte Abraham — Stammvater aller drei Religionen — an der himmlischen Kaaba und lächelte. Doch die Reise war nicht vorbei. Muhammad ging allein weiter. Selbst Dschibril konnte nicht folgen: „Einen Schritt weiter, und ich verbrenne." Er erreichte den Lotusbaum der äußersten Grenze, den Rand der Schöpfung. Dort, vor Gott, empfing er einen Befehl: fünfzig Gebete am Tag.
Er nahm an. Doch auf dem Rückweg hielt Moses ihn auf. „Ich kenne die Menschen. Das schaffen sie nicht — ich habe es mit den Israeliten versucht." Muhammad ging zurück. Vierzig. Moses schüttelte den Kopf. Dreißig. Zwanzig. Zehn. Am Ende fünf, jedes mit dem Wert von zehn. Moses drängte weiter. Muhammad antwortete: „Ich habe so oft gefragt, dass es mir peinlich ist. Ich nehme fünf." Diese fünf Gebete bestimmen bis heute den Tagesrhythmus von zwei Milliarden Menschen.
Als er nach Mekka zurückkehrte, war sein Bett noch warm. Die Nacht war nicht einmal vorbei. Die Anführer lachten: eine Reise nach Jerusalem und zurück in einer einzigen Nacht? Sie verlangten, dass er eine Stadt beschreibe, die er nie gesehen hatte. Gott legte ihm ein Bild vor Augen, und er beschrieb Tore, Mauern und Gebäude mit makelloser Genauigkeit. Die meisten nannten ihn einen Lügner. Aber sein engster Freund Abu Bakr zögerte keine Sekunde: „Wenn er sagt, es ist geschehen, dann ist es geschehen." Seitdem trug er den Titel al-Siddiq — der Bestätiger.
Siebzig Jahre später errichtete Kalif Abd al-Malik den Felsendom über dem Stein, von dem Muhammad aufgestiegen war. Die Westmauer des Tempelbergs — die Juden nennen sie die Klagemauer — heißt bei den Muslimen die Buraq-Mauer, nach dem Reittier, das Muhammad durch den Himmel trug. Eine einzige Nacht machte Jerusalem zur drittheiligsten Stadt des Islam. Ein Felsen. Drei Religionen. Und derselbe uralte, unvollendete Griff nach dem Himmel.
