Skip to main content
Kronen & Eroberungen·1/4·3
Photograph of Karnak Temple Complex

The place

Karnak Temple Complex

Hatschepsut: Die Frau, die Pharao wurde

Sie trug den Zeremonialbart, errichtete die höchsten Obelisken und trotzte einem Neffen, der sie aus der Geschichte tilgen wollte

Neues Reich (ca. 1479–1458 v. Chr.)Karnak Temple Complex

Eine Frau erklärte sich zum Pharao. Nicht zur Regentin, nicht zur Königsgemahlin, nicht zur „Großen Königlichen Gemahlin“ — zum Pharao. Zur vollumfänglichen, göttlich legitimierten, absoluten Herrscherin über Ober- und Unterägypten, mit sämtlichen Titeln, Machtbefugnissen und der gesamten religiösen Autorität, die dieses Amt mit sich brachte. Ihr Name war Hatschepsut, und die Obelisken, die sie in Karnak errichten ließ, stehen noch heute als trotziges Zeugnis einer außergewöhnlichen Regentschaft.

Hatschepsut war die Tochter Thutmosis' I. und die Gemahlin Thutmosis' II., der jung starb und den Thron seinem unmündigen Sohn aus einer Nebenehe hinterließ — dem künftigen Thutmosis III. Als Stiefmutter und Tante des Knaben übernahm Hatschepsut zunächst die Regentschaft und führte die Staatsgeschäfte Ägyptens im Namen eines Kindes, das noch zu jung war, um selbst zu herrschen. Doch innerhalb weniger Jahre vollzog sie den beispiellosen Schritt, den pharaonischen Titel für sich selbst zu beanspruchen: In offiziellen Darstellungen und Inschriften ließ sie sich fortan als männlicher König abbilden — mit dem königlichen Schurz, dem Zeremonialbart der Göttlichkeit und der Doppelkrone von Ober- und Unterägypten.

In Karnak hinterließ Hatschepsut ihre eindrucksvollste architektonische Spur: zwei gewaltige Obelisken, jeder aus einem einzigen Block Assuaner Granit gehauen, von denen der höhere 29,5 Meter misst und rund 323 Tonnen wiegt. Die Obelisken wurden in Assuan gebrochen, auf eigens gebauten Lastkähnen 200 Kilometer nilabwärts transportiert, in Karnak aufgerichtet — und ihre Spitzen, die Pyramidia, mit Elektrum überzogen, einer natürlichen Legierung aus Gold und Silber, die in der ägyptischen Sonne wie erstarrte Blitze leuchtete. Eine Inschrift beschreibt das Schauspiel: „Ihre Höhe durchstößt die Himmel, ihr Licht durchflutet die Beiden Länder gleich der Sonnenscheibe. Nie ward Gleiches gesehen, seit die Erde gegründet ward.“

Hatschepsut regierte rund 22 Jahre, in denen Ägypten gedieh. Sie entsandte die berühmte Handelsexpedition ins Land Punt, trieb den Tempelbau voran und wahrte weitgehend den Frieden. Als sie um 1458 v. Chr. starb — oder der Macht enthoben wurde — übernahm ihr Stiefsohn Thutmosis III. endlich die alleinige Herrschaft über jenen Thron, den er dem Namen nach seit seiner Kindheit innegehabt hatte.

Was nun folgte, war einer der systematischsten Auslöschungsversuche der Geschichte. Thutmosis III. — der zum größten Feldherrn unter den Pharaonen aufsteigen sollte, zum „Napoleon Ägyptens“ — ordnete die Entfernung von Hatschepsuts Name und Bildnis an Monumenten in ganz Ägypten an. Ihre Kartuschen wurden von Tempelwänden gemeißelt. Ihre Statuen wurden zerschlagen und vergraben. Ihre Darstellungen wurden durch jene von Thutmosis I., II. oder III. ersetzt. Die Kampagne war gründlich, methodisch und weitgehend erfolgreich — Hatschepsut verschwand für über dreitausend Jahre nahezu vollständig aus der ägyptischen Geschichtsschreibung, bis Archäologen des 19. Jahrhunderts begannen, die Spuren ihrer Herrschaft Stück für Stück zusammenzusetzen.

Doch in Karnak stand Thutmosis III. vor einem Problem, das er nicht lösen konnte. Hatschepsuts Obelisken waren zu gewaltig und zu heilig, um sie zu zerstören — sie waren schließlich Monumente für Amun selbst, lediglich von Hatschepsut in Auftrag gegeben. Also wählte Thutmosis eine andere Strategie: Er ließ Mauern um die unteren Abschnitte der Obelisken errichten, die sie in Stein einhüllten und so Hatschepsuts Inschriften und Bildnisse den Blicken entzogen, während die Obelisken selbst unangetastet blieben.

Die Ironie ist von erlesener Schärfe. Thutmosis' Umfassungsmauern schützten Hatschepsuts Inschriften tatsächlich vor Verwitterung und Vandalismus. Als die Mauern schließlich zerfielen, waren die von ihnen verborgenen Inschriften besser erhalten als jene, die der Witterung ausgesetzt gewesen waren. Der Neffe, der seine Stiefmutter aus der Geschichte tilgen wollte, sorgte unbeabsichtigt dafür, dass ihre Worte überdauerten. Heute ragt Hatschepsuts Obelisk in Karnak als höchster noch stehender antiker Obelisk der Anlage empor, ihre Inschriften noch immer lesbar, ihr Name noch immer in Stein verkündet — das letzte Wort in einem Familienstreit, der dreieinhalbtausend Jahre andauert.

Moral der Geschichte

Wer die Wahrheit aus der Geschichte zu tilgen versucht, bewahrt sie oft gerade dadurch — und wahre Leistung überdauert jeden Versuch der Unterdrückung.

Figuren

H
Hatschepsut
T
Thutmosis III. (Stiefsohn/Neffe)
T
Thutmosis I. (Vater)
T
Thutmosis II. (Gemahl)

Quelle

Tyldesley, Joyce. Hatchepsut: The Female Pharaoh. Penguin, 1996; Karnak obelisk inscriptions