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Rätsel der Vergangenheit·1/4·3
Photograph of Vatican & St. Peter's Basilica

The place

Vatican & St. Peter's Basilica

Das verborgene Gehirn in der Erschaffung Adams

Eine fünfhundert Jahre alte geheime Botschaft im berühmtesten Gemälde der Welt

1508-1512 (discovered 1990)Vatican & St. Peter's Basilica

Fast fünfhundert Jahre lang betraten Millionen Menschen die Sixtinische Kapelle, blickten nach oben und glaubten zu verstehen, was sie sahen. Die Erschaffung Adams zeigt Gott, wie er seine Hand nach Adam ausstreckt, umgeben von Engeln und gehüllt in einen wallenden roten Mantel. Es ist wohl das bekannteste Bild der Welt. Man kennt es von Postern, Handyhüllen, Memes. Jeder hat es schon gesehen. Aber niemandem — fünf Jahrhunderte lang — fiel auf, was direkt vor aller Augen verborgen war.

1990 veröffentlichte ein Arzt namens Frank Meshberger einen Artikel im Journal of the American Medical Association — einer der renommiertesten medizinischen Fachzeitschriften der Welt — und stellte alles auf den Kopf. Seine These war außergewöhnlich: Die Form, die Gott und die Engel umgibt, ist kein bloßer Mantel. Sie ist ein anatomisch exakter Querschnitt des menschlichen Gehirns.

Die Übereinstimmungen sind verblüffend. Der rote Mantel folgt der äußeren Oberfläche des Gehirns. Ein Engel unter Gottes Arm entspricht exakt dem Hirnstamm. Ein wehender grüner Schal zeichnet den genauen Verlauf einer Hauptarterie nach, die das Gehirn versorgt. Eine kleine Figur neben Gottes linkem Fuß befindet sich genau dort, wo eine wichtige Hormondrüse sitzen würde. Punkt für Punkt stimmt die Anatomie — mit einer Genauigkeit, die kein Zufall sein kann.

Und Michelangelo hatte das Wissen dafür. Als junger Künstler in Florenz verbrachte er Jahre damit, Leichen in der Kirche Santo Spirito zu sezieren — der Prior gewährte ihm Zugang zu den Körpern im Austausch gegen ein Kruzifix, das Michelangelo eigenhändig geschnitzt hatte. Mit dreißig verstand er den menschlichen Körper besser als die meisten Ärzte seiner Zeit.

Was also war die Botschaft? Die eindrucksvollste Deutung lautet: Gott schenkt Adam nicht nur das Leben — er schenkt ihm einen Geist. Die Form des Gehirns bedeutet, dass das wahre göttliche Geschenk kein schlagendes Herz ist. Es ist das Bewusstsein. Das Denken. Die Fähigkeit, sich zu fragen, warum man existiert. In dieser Lesart wohnt Gott im Inneren der menschlichen Intelligenz selbst.

Doch es gibt eine weit gefährlichere Deutung. Michelangelo hasste diesen Auftrag. Papst Julius II. — mehr Krieger als Priester — hatte ihn praktisch gezwungen, die Decke zu bemalen, und die beiden gerieten ständig aneinander. Was, wenn die Botschaft genau andersherum gemeint war? Wenn Gott innerhalb eines Gehirns erscheint, sagte Michelangelo vielleicht, dass Gott eine Schöpfung des menschlichen Geistes ist — und nicht umgekehrt. Das wäre eine der radikalsten Ideen der Geschichte, gemalt direkt über dem Kopf des Papstes.

2010 wurde es noch spannender: Die Forscher Ian Suk und Rafael Tamargo veröffentlichten eine Studie in der Fachzeitschrift Neurosurgery, die eine zweite verborgene Anatomielektion an derselben Decke enthüllte. In dem Feld, in dem Gott Licht von Dunkelheit trennt, formen sein Hals und seine Brust ein präzises Abbild des Hirnstamms und des Rückenmarks. Michelangelo hatte es mehr als einmal getan.

Niemand weiß mit Sicherheit, was Michelangelo sagen wollte. Feierte er das Bewusstsein als größtes Geschenk Gottes? Rebellierte er im Stillen gegen einen Papst, den er verachtete? Man sagt, der Teufel stecke im Detail. Aber bei Michelangelo war es nicht der Teufel, der sich in den Details versteckte — es war Gott. Fünfhundert Jahre später gibt die berühmteste Decke der Welt immer noch Geheimnisse preis, nach denen niemand zu suchen dachte.

Moral der Geschichte

Wahres Genie verbirgt Bedeutungsebenen, die Jahrhunderte überdauern und sich nur denen offenbaren, die bereit sind, sie zu sehen

Figuren

M
Michelangelo Buonarroti
F
Frank Meshberger
I
Ian Suk
R
Rafael Tamargo

Quelle

Meshberger, Frank. "An Interpretation of Michelangelo's Creation of Adam Based on Neuroanatomy," JAMA 264:14, 1990; Suk and Tamargo, Neurosurgery, 2010