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Rätsel der Vergangenheit·2/3·3
Photograph of Terracotta Army

The place

Terracotta Army

Die Quecksilberflüsse der Unterwelt

Ein Kaiser, der den Kosmos unter der Erde erbaute

210 v. Chr. — Qin-DynastieTerracotta Army

Um das Jahr 100 vor Christus schrieb ein chinesischer Historiker namens Sima Qian etwas, das völlig irre klang. Er behauptete, das Grab von Qin Shi Huang — dem ersten Kaiser von China, dem Mann hinter der Großen Mauer und der Terrakotta-Armee — enthalte Flüsse aus flüssigem Quecksilber. Keine Metapher. Echtes Quecksilber, das durch Kanäle gepumpt wurde, um die tatsächlichen Wasserläufe des Reiches nachzubilden.

Er hielt es fest im Shiji, Chinas großer historischer Chronik. Dort beschrieb er, wie Quecksilber „die hundert Flüsse nachbildete, den Jangtsekiang, den Gelben Fluss und das große Meer, alles durch Mechanismen in Bewegung gesetzt“. Die Decke war mit Edelsteinen besetzt, die den Nachthimmel imitierten. Der Boden zeigte eine maßstabsgetreue Karte des Reiches. Sterne oben, Flüsse unten — ein privates Universum, gebaut für einen einzigen Toten.

Zweitausend Jahre lang nahm das kaum jemand ernst. Quecksilberflüsse? Unterirdische Sternbilder? Das klang nach Mythos, nicht nach Geschichte. Das Grab war die ganze Zeit da — ein 76 Meter hoher Hügel voller Granatapfelbäume bei der Stadt Xi’an —, aber niemand konnte beweisen, was darin lag, ohne es zu öffnen.

Dann, im Jahr 2003, untersuchten chinesische Wissenschaftler den Boden direkt über dem Grab. Die Ergebnisse waren atemberaubend: Die Quecksilberwerte über der Grabkammer lagen bis zu hundertmal höher als in der Umgebung. Und das Quecksilber war nicht zufällig verteilt. Es konzentrierte sich entlang von Linien, die exakt den Positionen der großen chinesischen Flüsse auf einer Karte entsprachen.

Sima Qian hatte nicht übertrieben. Er hatte es wortwörtlich gemeint. Qin Shi Huang hatte einen kompletten Kosmos unter der Erde errichtet: Quecksilberflüsse, die die Wasserläufe seines Reiches nachzeichneten, Sternbilder aus Edelsteinen an der Decke, automatische Armbrüste als Wächter wie Geisterarmeen. Was lange währt, wird endlich gut — auch wenn es zweitausend Jahre dauert, bis die Wissenschaft einem Historiker recht gibt.

Aber hier kommt der Haken: China weigert sich, das Grab zu öffnen. Quecksilber tötet Bakterien und stoppt den Zerfall — es wirkt wie ein perfektes Konservierungsmittel. Alles, was dort drinnen liegt, ist seit über 2.200 Jahren in Quecksilberdampf versiegelt. Wissenschaftler befürchten, dass eine Öffnung alles binnen Minuten zerstören könnte. Das größte archäologische Rätsel der Welt steht einfach da. Unberührt.

Manche Forscher glauben, dass das Grab Schriftrollen enthält, die unser Bild vom antiken China grundlegend verändern könnten. Qin Shi Huang hat die chinesische Schrift vereinheitlicht — warum hätte er keine Bücher mit ins Jenseits nehmen sollen? Falls sie dort drin sind, liegen sie seit zwei Jahrtausenden perfekt versiegelt in quecksilbergesättigter Dunkelheit. Und wir können sie nicht anrühren.

Das Grab steht heute noch da, für jeden sichtbar. Hunderttausende Touristen kommen jedes Jahr. Sie fotografieren die berühmten Terrakotta-Krieger, kaufen Souvenirs und gehen an diesem stillen grünen Hügel vorbei, ohne zweimal hinzuschauen. Unter ihren Füßen, im Dunkeln, fließen die Quecksilberflüsse des ersten Kaisers vielleicht immer noch.

Moral der Geschichte

Manchmal stellt sich heraus, dass das, was jahrtausendelang als Mythos galt, erstaunlicher ist als jede Fiktion.

Figuren

Q
Qin Shi Huang — der Kaiser, der die Unterwelt erbaute
S
Sima Qian — der Historiker, der sie beschrieb
M
Moderne Wissenschaftler, die das Quecksilber bestätigten

Quelle

Sima Qian, "Shiji"; 2003 Chinese Academy of Sciences mercury survey; Archaeological Institute of Shaanxi Province