Von den Sieben Weltwundern der Antike sind sechs nachgewiesen. Die Große Pyramide steht noch. Von den anderen hat man Ruinen gefunden, Fundamente, irgendetwas. Aber die Hängenden Gärten von Babylon sind nie aufgetaucht. Kein Stein. Keine Wurzel. Nicht ein einziger Ziegel. Sie sind der berühmteste Garten der Menschheitsgeschichte, und es ist gut möglich, dass es sie nie gegeben hat.
Die Geschichte geht so. Um 600 v. Chr. heiratete Nebukadnezar II. — der mächtigste König der Erde — Amytis, eine Prinzessin aus Medien, dem heutigen Iran. Sie war unter kühlen Bächen und Tälern aufgewachsen, die nach jedem Regen grün leuchteten. Dann kam sie nach Babylon: flaches, braunes Land, Sommer mit fünfzig Grad, nichts als Dattelpalmen und Kanäle. Das Heimweh fraß sie auf. Also beschloss ihr Mann — ein Mann, der Nationen erobert und den Tempel von Jerusalem niedergebrannt hatte — das Problem zu lösen. Er würde ihr einen Berg bauen.
Die antiken Autoren überschlugen sich mit Beschreibungen. Diodor von Sizilien, Jahrhunderte später, berichtete von Gärten mit 120 Metern Seitenlänge, die in Terrassen zwanzig Meter hoch aufstiegen. Jede Ebene war mit Schilf, Ziegeln und Blei abgedichtet, dann mit genug Erde gefüllt, um ausgewachsene Bäume zu tragen. Wasser wurde mit einer Art Schraubenmechanismus aus dem Euphrat nach oben gepumpt und floss dann in Kaskaden durch Kanäle hinab. Ein Autor nannte es „einen ewigen Frühling, der über den Köpfen derer schwebte, die unten wandelten.“
Das Problem: Nichts davon lässt sich belegen. Nebukadnezar hinterließ Hunderte Inschriften über seine Bauprojekte — Mauern, Tore, Tempel, Paläste. Er erwähnte keinen Garten. Kein einziges Mal. Herodot besuchte Babylon ein Jahrhundert später und beschrieb die Stadt ausführlich. Keine Gärten. Der früheste Bericht stammt aus der Zeit dreihundert Jahre nach dem Tod des Königs. Archäologen gruben ab 1899 achtzehn Jahre lang in Babylon. Sie fanden nichts. Gottes Mühlen mahlen langsam — aber nach sechsundzwanzig Jahrhunderten haben sie von diesen Gärten nicht einmal Staub übrig gelassen.
2013 stellte die Oxford-Forscherin Stephanie Dalley alles auf den Kopf. Die Gärten hätten tatsächlich existiert, argumentierte sie — nur nicht in Babylon. Sie befanden sich in Ninive, 450 Kilometer nördlich, erbaut vom assyrischen König Sanherib ein Jahrhundert zuvor. Seine Inschriften beschreiben Terrassengärten, gespeist von bronzenen Wasserschrauben und einem achtzig Kilometer langen Aquädukt aus den Bergen. Ein Relief aus seinem Palast, heute im British Museum, zeigt Gärten auf Säulen, die perfekt zu den antiken Beschreibungen passen. Die alten Autoren, so Dalley, hätten schlicht die Städte verwechselt.
Sogar der Name führt in die Irre. „Hängend“ stammt vom griechischen Wort kremastos, das nicht „an Ketten baumelnd“ bedeutet. Es bedeutet überhängend — wie eine Terrasse, die über die nächste hinausragt. Man stelle sich eine gestufte Hügellandschaft aus Bäumen und Blumen vor, jede Ebene lässt ihr Grün über den Rand der darunterliegenden fallen, alles erhebt sich aus der flachen Wüste wie etwas, das es nicht geben dürfte. Kein Garten am Himmel. Ein Wald, der sich als Berg ausgab.
Vielleicht wird die Frage nie geklärt. Vielleicht liegen die Gärten in Babylon, unter dem Grundwasserspiegel, wo niemand graben kann. Vielleicht in Ninive. Vielleicht waren sie ein Mosaik aus Reiseberichten und haben als ein einziger Ort nie existiert. Aber eines hat sechsundzwanzig Jahrhunderte überdauert: die Geschichte eines Königs, der die mächtigste Stadt der Welt betrachtete und dachte — sie ist unglücklich — und dann versuchte, einen Berg aus dem Boden zu heben, um das zu ändern. Die Gärten sind verschwunden. Die Liebesgeschichte nicht. Vielleicht ist das das eigentliche Weltwunder.
