Im Jahr 1092 war Nizam al-Mulk der mächtigste Mann der islamischen Welt. Dreißig Jahre lang hatte er als Großwesir — oberster Minister — des Seldschukenreichs gedient, erst unter Sultan Alp Arslan, dann unter dessen Sohn Malik-Shah I. Sein Einfluss reichte von den Grenzen Chinas bis ans Mittelmeer. Er gründete Schulen im ganzen Reich, um zu bekämpfen, was er als tödliche Gefahr sah: die ismailitischen Muslime. Und ein einziger Mann, in einer Bergfestung namens Alamut, beschloss, dass er sterben musste.
Dieser Mann war Hassan-i Sabbah, Anführer der nizaritischen Ismailiten und Herr von Alamut. Seine Philosophie war brutal einfach: Besser einen Tyrannen töten, der Millionen unterdrückt, als tausende Soldaten in offener Schlacht sterben lassen. Seine Waffen waren die Fidai — »die Hingebungsvollen« — Agenten, jahrelang trainiert in Kampf, Tarnung und höfischem Auftreten. Immer ein Dolch. Immer öffentlich. Und niemals der Versuch zu fliehen. Der Auftrag war ein Weg ohne Rückkehr, angenommen als Opfer.
14. Oktober 1092, heiliger Monat Ramadan. Der Konvoi des Wesirs war auf dem Weg von Isfahan nach Bagdad, in der Nähe der Stadt Nahavand. Nizam al-Mulk, inzwischen über siebzig, hatte gerade das abendliche Fastenbrechen hinter sich. Eine Gestalt in zerlumpten Gewändern — ein wandernder Derwisch — schlurfte auf ihn zu und rief, er habe eine Bittschrift. Der Wesir war dafür bekannt, solche Besucher zu empfangen. Er beugte sich vor. Der Mann hieß Abu Tahir Arrani. Er trug keine Bittschrift. Er trug einen Dolch.
Ein einziger Stoß, und der mächtigste Mann des Reiches brach zusammen. Abu Tahir versuchte zu fliehen, stolperte aber über ein Zeltseil. Die Leibwache erschlug ihn auf der Stelle — Sekunden nachdem sein Ziel gefallen war. Er starb genau so, wie jeder Fidai erwartete zu sterben. Das Ganze dauerte weniger als eine Minute. Aber was danach kam, sollte den Nahen Osten für über ein Jahrhundert prägen.
Fünfunddreißig Tage später war auch Sultan Malik-Shah I. tot — unter so verdächtigen Umständen, dass viele Historiker ein weiteres Attentat vermuten. Ohne Wesir und Sultan versank das Reich im Bürgerkrieg. Malik-Shahs Söhne kämpften um den Thron. Keiner konnte es sich leisten, Armeen gegen die ismailitischen Bergfestungen zu schicken. Genau darauf hatte Hassan gesetzt: Einen oder zwei Männer zu beseitigen neutralisierte die größte militärische Bedrohung seines Volkes und verschaffte ihm Jahrzehnte Luft.
Nach dem Mord am Wesir legte sich der Schrecken über jeden Herrscherhof der Region. Sultan Sanjar — einer von Malik-Shahs Söhnen — erfuhr es am eigenen Leib. Eines Morgens erwachte er und fand einen Dolch neben seinem Bett in den Boden gerammt, daneben eine Nachricht von Hassan: »Hätte diese Klinge in deiner Brust gesteckt statt in der Erde, nichts hätte dich retten können.« Sanjar, der gefürchtetste Krieger der Seldschuken-Dynastie, ließ die Ismailiten von da an in Ruhe.
Aller guten Dinge sind drei, sagt man. Der Wesir, der Sultan, der Dolch am Bett: Drei Schläge genügten, um das mächtigste Reich seiner Zeit in die Knie zu zwingen. Die Klinge, die Nizam al-Mulk auf dem Weg nach Bagdad das Leben nahm, beendete nicht nur eine Existenz. Sie bewies etwas, das bis heute nachwirkt: Wer bereit ist, alles zu geben — Bequemlichkeit, Sicherheit, das eigene Leben —, kann die größte Macht der Welt ins Wanken bringen.
