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Rätsel der Vergangenheit·3/5·3
Photograph of Masada

The place

Masada

Das Los der Zehn

Elf Tonscherben, drei Skelette und der Zopf einer Frau — die archäologischen Funde, die die Legende von Masada zugleich bestätigten und in Frage stellten

1963-1965 (Yadin's excavation); 1969 (state funeral); 1982-2019 (scholarly debate)Masada

1963 stieg Yigael Yadin mit Tausenden Freiwilligen aus achtundzwanzig Ländern auf den Masada-Felsen. Yadin war kein gewöhnlicher Archäologe — er hatte im Unabhängigkeitskrieg 1948 die israelische Armee kommandiert. Jetzt suchte er nach etwas viel Älterem. Im Jahr 73 unserer Zeitrechnung hatten fast tausend jüdische Rebellen den Tod der Unterwerfung unter Rom vorgezogen. Der antike Historiker Flavius Josephus berichtet, dass in der letzten Nacht zehn Männer durch das Los bestimmt wurden, die Übrigen zu töten. Yadin wollte diese Lose finden.

Und er fand etwas Außergewöhnliches. Nahe dem Südtor grub sein Team elf Tonscherben aus dem Boden — jede mit einem eingeritzten Namen. Auf einer stand « Ben Ya'ir ». Das war der Name von Eleazar ben Ya'ir, dem Anführer, der sein Volk überzeugt hatte, den Tod statt der Sklaverei zu wählen. « Man kann sich die Gefühle des Mannes vorstellen, der sein Los zog », schrieb Yadin. Die Welt war elektrisiert: ein physischer Beweis für die dramatischste Nacht der jüdischen Geschichte, direkt dort im Wüstenstaub.

Aber die Fachwelt bremste die Begeisterung. Es waren elf Scherben, nicht zehn, wie Josephus schrieb. « Ben Ya'ir » war im ersten Jahrhundert so verbreitet wie « Müller » heute — der Fund bewies nichts. Hunderte ähnlicher Namensscherben waren überall auf Masada aufgetaucht, benutzt für so banale Dinge wie Dienstpläne und Essensrationen. Und dann war da ein unangenehmes Detail: Josephus schrieb im Auftrag genau der römischen Kaiser, die Jerusalem zerstört hatten. Ein edler Freitod machte eine deutlich bessere Geschichte als ein chaotisches Ende.

Und dann waren da die Leichen. In den Ruinen des Badehauses am Nordpalast fanden die Ausgräber drei Skelette: einen jungen Mann um die zwanzig, eine Frau von etwa achtzehn und ein Kind. Neben der Frau lag etwas, das allen den Atem nahm: ein geflochtener Zopf, nach zweitausend Jahren noch intakt, konserviert durch die knochentrockene Wüstenluft. Sie hatte sich die Haare geflochten, obwohl sie wusste, dass sie sterben würde. Aber direkt daneben lagen Schweineknochen. Juden hielten keine Schweine. Römer schon.

Israel antwortete mit Politik statt Wissenschaft. 1969 erhielten siebenundzwanzig Überreste ein Militärbegräbnis an Masadas Hängen: Särge unter der Flagge, Ehrenwache, Salutschüsse. Die Zeremonie behandelte als Tatsache, was die Archäologie nicht beweisen konnte. Der Soziologe Nachman Ben-Yehuda zeigte später, wie Schulbücher eine unbequeme Wahrheit verschwiegen: Die Verteidiger waren keine Helden — sie hatten siebenhundert jüdische Landsleute in einem Nachbardorf massakriert, bevor sie auf den Berg flohen. Der Mythos war nützlicher als die Wahrheit.

Aber die Grabung förderte auch etwas zutage, das keine Kontroverse erschüttern konnte. Unter den Schriftrollen lag ein Fragment aus Ezechiel 37 — die Vision des Propheten von einem Tal voller verdorrter Gebeine, wo Gott fragt: « Können diese Gebeine wieder lebendig werden? » Ein Text über nationale Auferstehung, gefunden genau dort, wo der letzte Widerstand eines Volkes erlosch. Und 2005 pflanzten Wissenschaftler einen Dattelpalmen-Samen aus Yadins Grabung ein. Zweitausend Jahre alt. Er trieb aus, wuchs, und sie nannten den Baum Methusalem.

Die Scherben sind vielleicht nicht die Lose. Die Knochen gehören vielleicht nicht den Verteidigern. Die Reden wurden vielleicht nie gehalten. Aber die Schriftrollen waren echt — gelesen von echten Menschen in einer echten Synagoge auf einem echten Berg. Und dieser Samen war echt, zweitausend Jahre unter Trümmern begraben, wartend auf jemanden, der ihm Wasser und Licht gibt. Totgesagte leben länger — in Masada gilt das sogar für Samen. Können diese Gebeine leben? Selbst die Samen sagen ja.

Moral der Geschichte

Die Grenze zwischen dem Entdecken der Vergangenheit und ihrem Erfinden ist dünner, als wir wahrhaben wollen. Jeder Archäologe, der einen Fund aus der Erde hebt, entscheidet, welche Geschichte er erzählt — und die Geschichten, die wir am liebsten für wahr halten wollen, sind die, die wir am sorgfältigsten prüfen müssen. Der geflochtene Zopf, die eingeritzten Scherben, die verstreuten Knochen: Sie sind real. Was sie bedeuten, entscheiden wir.

Figuren

Y
Yigael Yadin -- archaeologist, former IDF Chief of Staff, excavator of Masada
T
The woman with braided hair -- an unnamed 17-18 year old whose remains were found in the Northern Palace
N
Nachman Ben-Yehuda -- Hebrew University sociologist who challenged the Masada myth
J
Joe Zias -- physical anthropologist who questioned the identification of the bones
S
Sarah Sallon -- scientist who germinated a 2,000-year-old seed from Masada

Quelle

Yadin, Yigael. Masada: Herod's Fortress and the Zealots' Last Stand, 1966; Cohen, Shaye J.D. 'Masada: Literary Tradition, Archaeological Remains, and the Credibility of Josephus,' Journal of Jewish Studies 33, 1982; Ben-Yehuda, Nachman. The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel, University of Wisconsin Press, 1995; Ben-Yehuda, Nachman. Sacrificing Truth: Archaeology and the Myth of Masada, Humanity Books, 2002; Zias, Joe. 'Human Skeletal Remains from the Southern Cave at Masada,' in The Dead Sea Scrolls Fifty Years After Their Discovery, 2000; Sallon et al. 'Germination, Genetics, and Growth of an Ancient Date Seed,' Science 320, 2008