Im Herzen des Tempelkomplexes von Karnak liegt der Heilige See — ein rechteckiges Becken aus dunklem, stillem Wasser, das den Priestern des Amun als ritueller Badeort und als symbolisches Zentrum des Heiligtums diente. Man glaubte, das Wasser sei mit Nun verbunden, dem Urozean, aus dem zu Anbeginn der Zeit alles Geschaffene hervorgegangen war. Im Heiligen See zu baden hieß, die Wasser der Schöpfung selbst zu berühren.
Doch die beständigste Legende des Sees handelt davon, was denen widerfährt, die ihn nach Einbruch der Dunkelheit aufsuchen. Einer Überlieferung zufolge, die seit Jahrhunderten unter den Bewohnern Luxors lebendig geblieben ist — die der modernen Tourismusära vorausgeht und in weit älteren Volksglauben wurzelt — wird jedem, der bei Mitternacht siebenmal schweigend um den Heiligen See wandelt, mit reinem Herzen und aufrichtigem Wunsch, sein Begehren erfüllt. Das Ritual muss allein vollzogen werden, gegen den Uhrzeigersinn — der Richtung der Sonnenreise durch die Unterwelt folgend —, und der Wandelnde darf vom ersten Schritt bis zur Vollendung des siebten Umgangs kein einziges Wort sprechen.
Jene, die das Ritual vollzogen haben, berichten von Erfahrungen, die von tiefem inneren Frieden bis hin zu wahrhaft unerklärlichen Phänomenen reichen. Manche beschreiben eine plötzliche Wärme, die vom Wasser ausstrahlt, obwohl die Wüstennacht kühl ist. Andere sprechen von einem tiefen Summen, das dem Stein selbst zu entsteigen scheint, anschwellend und abklingend in einem Rhythmus, der keiner natürlichen Quelle entspricht. Die außergewöhnlichsten Berichte — eher geflüstert als ausgesprochen, nur im Vertrauen mitgeteilt — erzählen von einem goldenen Licht unter der Wasseroberfläche während des siebten Umgangs, als steige etwas Leuchtendes aus der Tiefe empor.
Das goldene Licht, so will es die Überlieferung, sei die heilige Barke des Amun-Ra — das Schiff, in dem der Gott tagsüber über den Himmel und nachts durch die Unterwelt fuhr. Antike Aufzeichnungen beschreiben ein lebensgroßes goldenes Boot, das im Tempel aufbewahrt und bei Festprozessionen in feierlichem Zuge getragen wurde. Als der Tempel verfiel und die Priester ihn verließen, soll die goldene Barke in die Urwasser zurückgekehrt sein, aus denen sie einst kam — hinabgesunken in den Heiligen See, um dort den Tag zu erwarten, da die Rituale wiederaufgenommen würden.
Bei Vollmond gewinnt die Legende eine weitere Dimension. Das im vollkommen stillen Wasser gespiegelte Mondlicht erzeugt eine nahezu übernatürliche Leuchtkraft, und die Einheimischen sagen, dies sei die Zeit, in der die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der alten Götter am dünnsten werde. Fischer und Bauern, die in der Nähe des Tempels leben, berichten von Lichtern, die in Vollmondnächten über die Seeoberfläche gleiten — Lichter, die keine Bugwelle hinterlassen und keine Spiegelung werfen.
Moderne Archäologen vermerken, dass der Heilige See von Grundwasserkanälen gespeist wird, die ihn mit dem Nil verbinden, und dass der Kalksteinuntergrund des Komplexes zahlreiche Hohlräume und Gänge enthält. Die von nächtlichen Besuchern berichteten Geräusche könnten die Bewegung von Wasser durch unterirdische Kanäle sein. Die Lichter könnten Reflexionen sein, Phosphoreszenz oder Einbildung. Doch die Überlieferung überdauert, weil sie die Lebenden mit der Antike verbindet — ein ununterbrochener Faden des Staunens, der den heutigen Besucher mit jenen Priestern verknüpft, die in denselben Wassern badeten, als der Tempel noch erfüllt war von Weihrauch, Gesang und dem goldenen Schimmer der Barke Amuns im Licht einer viertausend Jahre alten Morgendämmerung.
