Es gibt ein Dokument, das behauptet, jeden Papst namentlich vorherzusagen, der je leben wird. Nicht die, die schon waren — die, die kommen. Es wird dem heiligen Malachias zugeschrieben, einem irischen Erzbischof, der 1139 nach Rom gereist sein soll und dort eine Vision aller kommenden Päpste gehabt haben soll. Das Ergebnis: 112 kurze lateinische Formeln, eine pro Papst, bis zum Ende der Welt. Der letzte Eintrag ist keine kurze Formel. Es ist ein ganzer Absatz. Und er endet mit Rom in Flammen.
Aber da ist ein Detail, das alles verändert. Niemand hatte über vierhundert Jahre von dieser Liste gehört. Erst 1595 veröffentlichte ein Benediktinermönch namens Arnold Wion sie und behauptete, sie sei seit Jahrhunderten in den Archiven verborgen gewesen. Historikern fiel sofort etwas auf: Jede Vorhersage vor 1595 passte perfekt zu ihrem Papst. Verdächtig perfekt. Die Einträge danach? Deutlich vager, deutlich schwerer zuzuordnen.
Trotzdem gibt es Treffer, die man nicht einfach abtun kann. Pius X., Papst von 1903 bis 1914, trug die Bezeichnung «Ignis ardens» — brennendes Feuer — und verbrachte sein gesamtes Pontifikat damit, modernistische Ideen in der Kirche zu bekämpfen. Johannes Paul I. war «De medietate lunae» — von der Hälfte des Mondes. Er war nur 33 Tage Papst, im Jahr 1978. Sein Tod kam so plötzlich, dass die Verschwörungstheorien bis heute nicht verstummt sind.
Dann kam der Moment, vor dem sich alle gefürchtet hatten. 2013 tat Benedikt XVI. etwas, was kein Papst seit sechshundert Jahren getan hatte: Er trat zurück. Auf Malachias’ Liste war er Nummer 111 von 112. Seine Formel: «Gloria olivae» — Ruhm des Olivenbaums. Er hatte den Namen Benedikt gewählt, und der Benediktinerorden hat einen Zweig namens Olivetaner. Zufall oder Prophezeiung — es lief einem kalt den Rücken runter. Denn Eintrag 112 war der letzte.
Dieser letzte Eintrag bricht mit dem Muster. Statt einer kurzen Formel ist es ein ganzer Absatz: «In der letzten Verfolgung der heiligen römischen Kirche wird Petrus der Römer regieren, der seine Schafe durch viele Prüfungen weiden wird. Wenn dies alles vollendet ist, wird die Stadt der sieben Hügel zerstört werden, und der furchtbare Richter wird sein Volk richten. Ende.» Die Stadt der sieben Hügel ist Rom. Einen Eintrag 113 gibt es nicht.
Als der argentinische Kardinal Jorge Bergoglio gewählt wurde und den Namen Franziskus wählte — nicht Petrus — suchten die Gläubigen nach Erklärungen. Seine italienischen Wurzeln, sein Amt als Bischof von Rom, als Nachfolger des heiligen Petrus: Er sei «Petrus der Römer» per Definition, argumentierten sie. Man zählte die Liste immer wieder durch. Dann starb Franziskus im April 2025, die Kardinäle zogen in die Sixtinische Kapelle ein und taten, was sie immer getan haben: einen neuen Papst wählen. Robert Prevost wurde Leo XIV. Die Liste war am Ende. Die Kirche nicht.
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, sagt das Sprichwort. Vielleicht sollte man ihn auch nicht vor dem Abend fürchten. Der Abend kam — der 112. Papst lebte und starb. Und die Welt dreht sich weiter. Die Prophezeiung war wahrscheinlich das Werk eines cleveren Mönchs aus den 1590ern, der die frühen Einträge fälschte und die späteren vage genug hielt, um auf alles zu passen. Aber fünf Jahrhunderte lang verwandelte sie jedes Konklave in einen Countdown. Prophezeiungen müssen nicht wahr sein, um Macht zu haben. Sie müssen nur eine Frage stellen, die man nicht mehr loswird.
