Im November 1922 gelang dem britischen Archäologen Howard Carter, was niemandem in dreitausend Jahren gelungen war: Er fand das Grab eines Pharaos — mit dem gesamten Schatz noch darin. Tutanchamun, ein ägyptischer König, der mit gerade einmal neunzehn Jahren gestorben war, lag versiegelt im Tal der Könige bei Luxor. Die goldene Totenmaske, die ineinander verschachtelten Sarkophage, Tausende Artefakte, die im Lampenlicht schimmerten — die Welt hatte so etwas noch nie gesehen. Doch innerhalb weniger Monate forderte die größte Entdeckung der Archäologie ihre ersten Toten.
Lord Carnarvon, der wohlhabende englische Aristokrat, der Carters Suche jahrelang finanziert hatte, war dabei, als das Grab geöffnet wurde. Fünf Monate später war er tot. Ein Mückenstich in Kairo; beim Rasieren ritzte er die Stelle auf, sie entzündete sich, und am 5. April 1923 tötete ihn die Infektion. Im genauen Moment seines Todes, so die Augenzeugen, gingen in ganz Kairo sämtliche Lichter aus — ein stadtweiter Stromausfall, den niemand erklären konnte. Auf seinem Landsitz in England soll seine Hündin Susie einmal aufgeheult haben — und dann tot umgefallen sein.
Die Presse drehte durch. Arthur Conan Doyle — Schöpfer von Sherlock Holmes und überzeugter Anhänger des Übersinnlichen — erklärte öffentlich, Carnarvon sei von einem uralten Fluch getötet worden. Zeitungen erfanden eine Warnung, die angeblich über dem Grabeingang gemeißelt stand: „Der Tod wird auf schnellen Schwingen zu dem kommen, der die Ruhe des Königs stört.“ Diese Inschrift hat nie existiert. Aber die Geschichte war zu gut, und niemand wollte sich von ein paar Fakten die Schlagzeile verderben lassen.
Und dann starben weitere. George Jay Gould, ein amerikanischer Millionär, der das Grab besichtigt hatte — wenige Monate später tot an einer Lungenentzündung. Prinz Ali Fahmy, ein reicher Ägypter, der bei der Öffnung dabei gewesen war — von seiner Frau im Londoner Savoy erschossen. Der Radiologe, der Tutanchamuns Mumie geröntgt hatte — an einer rätselhaften Krankheit gestorben. Bis 1929 waren elf Menschen, die mit der Entdeckung zu tun hatten, vorzeitig tot. Aller guten Dinge sind drei, sagt man. Hier waren es elf — und die Zeitungen führten Buch mit grimmiger Begeisterung.
Aber da ist ein Detail, das die ganze Geschichte hätte begraben müssen: Howard Carter selbst — der Mann, der das Grab aufgebrochen, jedes Artefakt berührt und zehn Jahre mit der Katalogisierung verbracht hatte — lebte noch siebzehn weitere Jahre. Er starb 1939 mit vierundsechzig, eines natürlichen Todes. Wenn Tutanchamuns Geist Rache an jenen wollte, die seine Ruhe gestört hatten, dann hat er ausgerechnet den Hauptverantwortlichen übersprungen. Wenn der Fluch echt war, hatte er eine miserable Trefferquote.
Die Wissenschaft hat nüchternere Antworten geliefert. Forscher fanden gefährliche Schimmelpilze in versiegelten ägyptischen Gräbern — die Art, die bei jemandem mit angeschlagener Gesundheit tödliche Infektionen auslösen kann. Und genau das war bei Carnarvon der Fall. Die berühmten „Fluchtode“ halten einer Überprüfung nicht stand. Zahlreiche Personen, die mit der Entdeckung in Verbindung standen, lebten lang und gesund. Nur schaffte es keiner von ihnen in die Zeitung — weil „Mann besucht altes Grab, nichts passiert“ keine Schlagzeile ist.
Und trotzdem weigert sich der Fluch des Tutanchamun zu sterben — nicht weil irgendjemand ernsthaft an rachsüchtige Pharaonen glaubt, sondern weil diese Geschichte etwas trifft, das tief in uns allen steckt. Dreitausend Jahre Stille, an einem einzigen Nachmittag gebrochen. Und irgendwo ganz tief drinnen spüren die meisten von uns: Diese Stille hätte man in Ruhe lassen sollen. Vielleicht war der wahre Fluch nie übernatürlich. Vielleicht ist er einfach die älteste Warnung der Welt: Manche Dinge wurden aus gutem Grund begraben.
